LUXEMBURG
MARCO MENG

Cargolux steht unter Druck - Geschäftsführer Dirk Reich will neue Strukturen und Kosten senken

Cargolux sucht einen Weg, aus den roten Zahlen zu kommen. Dazu gehöre auch, so der Cargolux-Chef Dirk Reich gegenüber der Presse, die Kosten zu senken, was andere Unternehmensstrukturen notwendig mache, denn das „Verteilmodell allein sichert kein Überleben“. Reich hatte am Mittwochabend Pressevertreter eingeladen, um zu erklären, wo das Unternehmen steht, nachdem die Gewerkschaften in den letzten Wochen sich angesichts der anstehenden Verhandlung zu einem neuen Kollektivvertrag an die Öffentlichkeit wandten. Dabei steht vor allem das Thema der Überführung eines zweiten Flugzeuges an die italienische Tochtergesellschaft im Mittelpunkt. Die Personalvertreter sprachen von Sozialdumping und Auslagerung, doch Reich betont, dass das Wachstum in Luxemburg stattfindet und auch hier weiterhin stattfinden soll. Man suche nicht die Konfrontation, so Reich, sondern hoffe darauf, noch vor Abschluss des Jahres zu einer Einigung mit den Personalvertretern zu kommen. Sorge bereitet dem Cargoluxchef, dass durch in der Presse verbreitete Diskussion Kunden verunsichert werden.

20 Millionen Minus

Cargolux hat nach Unternehmensangaben ein starkes Wachstum, was die Frachtmenge anbelangt, zu verzeichnen - sogar ein Rekordvolumen. Und das Gute: Insgesamt befindet sich der Luftfrachtmarkt im Wachsen. Andererseits wächst aber auch der Konkurrenzdruck vor allem durch die arabischen Airlines, was zur Folge hat, dass die Frachtraten fallen. Nach jeder Krise, so zeigten die Daten, wären die Frachtraten gesunken; sie wären zwar dann wieder leicht gestiegen, doch insgesamt befinden sie sich - und nicht nur im Lufttransport - seit 15 Jahren im Sinkflug, so Reich. Keine andere europäische Cargo Airline hat derzeit ein solches Wachstum wie Cargolux, doch an jedem transportierten Kilogramm verdient man weniger, zudem sind die neuen Boeing 777 Passagierflugzeuge, die 30 Tonnen Fracht zuladen können, zu einer weiteren Konkurrenz geworden. „Und die Raten werden weiter sinken, darauf muss man sich einstellen“, erklärt Reich, denn es wäre grob fahrlässig, das nicht zu tun. Manche anderen haben bereits aufgegeben: British Airways/Iberia geben dieses Jahr ihr Luftfracht-Operationen auf, AirFrance/KML reduziert die Flotte. Im Gegensatz dazu haben Qatar Airways, Emirates und Etihad rund 500 neue Flugzeuge bestellt. „Ein riesiger Druck baut sich auf“, so Reich.

Cargolux hofft, dass das Frachtvolumen weiter ansteigt (im August hatte das Frachtvolumen gegenüber dem Vorjahr auf 13,6% zugelegt), und die Aussichten für die letzten Monate des Jahres sehen gut aus: Die erste Woche im September leistete Cargolux 162 Flüge, 78 ab Luxemburg (und zehn ab Italien), alles Rekordzahlen. Der Marktanteil konnte damit auf 3,7% ausgebaut werden. Darum hege man die Hoffnung, zum Ende des Jahres nicht mehr als 20 Millionen Euro Minus einzufliegen - vorausgesetzt, es kommt nicht neue Unbill auf die Airline zu. Gut sei, dass die Aktionäre weiter hinter Cargolux stünden, denn ohne die Kapitalerhöhung im nächsten Jahr käme man nicht weiter. Mittelfristig will man aber schwarze Zahlen schreiben, weswegen das Management ein Paket von Maßnahmen beschlossen oder in Planung hat, die das Ergebnis um 200 Millionen Dollar heben sollen. Seit Juli läuft beispielsweise ein Programm mit 32 Initiativen, das bis 2017 eine Ergebnissteigerung um 250 Millionen Dollar liefern soll. Dazu gehören auch Preissteigerungen und der Ausbau von Nischenprodukten wie Pharmalogistik. Auch die neuen Maschinen, erklärt Reich, der selbst Pilot ist, seien eine gute Investition, flögen sie doch sparsamer, was die Wettbewerbsfähigkeit steigere. Zudem hat man ein Programm mit dem Namen „Mach 1“ in Planung, das u.a. den Luftfracht-Trucking-Bereich und die Wartungsdienstleistungen (ein nach Reich attraktiver Markt von 40 Milliarden Dollar) und Charteroperationen ausbauen soll. Zum Kritikpunkt, dass zusammen mit den chinesischen Aktionären von HNCA eine neue chinesische Airline aufgebaut wird, die zur eigenen Konkurrenz werden könne, erklärt reich, dass diese Gesellschaft erst einmal nur ein Flugzeug haben werde und damit nur im Raum Transpazific fliege. Die neue Gesellschaft werde Nischen fliegen, die Cargolux nicht fliege. Da das Wachstum klar Richtung Asien gehe, bekräftigt Reich, nach China und auch Vietnam, sei es sinnvoll, diese Strecke auszubauen. Die Flüge nach Zhengzhou, wohin man letzte Woche einen dritten wöchentlichen Flug gestartet hat, verliefen besser als erwartet, erklärt Reich.

Modell Cargolux Italia?

Achtzig Prozent seiner Verluste fliegt Cargolux auf zwanzig Prozent seiner Flüge ein, und zwar vor allem die nach Afrika und Südamerika. Da die aber Teil des gesamten Routennetzwerks sind, kann man sie nicht einfach aus dem Flugplan herausschneiden, denn so gefährdet man auch profitable Strecken. Nun steht man vor der Frage: Die Flotte weiter ausbauen, oder zurückfahren. Hier seien auch die Crew-Kosten entscheidend, so Reich, der darauf verweist, dass die Bezahlung der Luxemburger Crews im „oberen Drittel“ aller Airlines anzusiedeln sei und rechnet vor, dass die Flüge von Italien nach Afrika rund fünf Millionen Dollar im Jahr billiger sind - nur auf die Personalkosten gerechnet. Ein Charterflug über „SmartCargo“ würde sogar sieben Millionen günstiger sein. „Wir haben kein Ziel, Gehälter zu senken“, bekräftigt Reich, aber neue Crews, auch neue Mitarbeiter in anderen Bereichen, müssten zu anderen Konditionen anfangen, und die Zahl der möglichen Flugtage müsste erhöht werden. In Italien, wo die pro Jahr um 50 höher sind, werden nun für die zweite Maschine dort 50 neue Leute eingestellt.