SVEN WOHL

Unfassbar, wie oft mittlerweile Google in den Nachrichten ist. Fast so unfassbar ist die Tatsache, dass die Suchmaschine immer noch so massiv genutzt wird, dass sie als unumgänglich dargestellt wird. Doch nicht immer ist Google selbst Schuld an der negativen Berichterstattung. Wir erinnern uns an das so genannte „Recht auf Vergessen“, das seitens der europäischen Kommission wie eine regelrechte Offenbarung präsentiert und gefeiert wurde. Seitdem hat sich das Echo in der Presse ziemlich gewandelt: Auch in Luxemburg gab es zunächst zahlreiche positive Stimmen hierzu und nach und nach musste man dann feststellen, dass man eben doch die Tür für Zensur geöffnet hat.

91.000 Anfragen zum Linklöschen sollen bis zum 18. Juli bei Google eingegangen sein. Dabei wurde unter Berufung auf besagtes Recht gefordert insgesamt 328.000 Links aus der Datenbank von Google zu löschen. Darunter auch Verweise auf Wikipedia-Artikel. Wer dahinter keine Zensur vermutet, muss als naiv eingeschätzt werden, denn wer sich die Nutzerzahlen vor Augen hält, der weiß: Was Google uns bei einer Suche nicht anzeigt, könnte auch gleich gar nicht im Web existieren.

Interessanterweise stellt sich bei vielen Fällen ein gewisser Streisand-Effekt ein. Der Effekt wurde nach Barbra Streisand benannt, die einst versuchte, zu bewirken, dass ein Foto einer ihrer Residenzen nicht im Internet zu sehen sein sollte. Prompt gingen Hunderttausende Internetnutzer hin und suchten nach eben jenem Foto, das bis dahin nicht einmal minimalstes Interesse erhielt. Kurz: Wer versucht eine Kontroverse im Keim zu ersticken, erreicht vor allem im Internet das genaue Gegenteil. Ein Restaurant bekommt schlechte Kritiken und will diese aus Google gelöscht haben? Könnte sein, dass sich dadurch die negative Aufmerksamkeit auf besagtes Lokal akut erhöht. Die Viralität des Internets wirkt da eigentlich zensurhemmend.

Das Recht auf Vergessen ist dabei nicht das eigentliche Problem, sondern das Symptom. Das Internet ist in seiner Komplexität eine solch berauschende Erfindung, dass der Einzelne gar nicht richtig damit umzugehen weiß. Immer nur Google zu kritisieren bringt da ebenfalls nur bedingt etwas, Suchmaschinen selbst wurden geschaffen, um mit den Unmengen an Daten umgehen zu können. Ein schmerzhafter Kontrollverlust, aber Kontrolle über das Internet hatten und werden wir auch nie haben. Wobei sich Google dann doch viel Mühe macht und möglichst viele Daten sammelt. Eine Sammlerei, die Google immer wieder versucht, in ein positives Licht zu stellen. Zum Beispiel, dass sie mit dem Durchforsten von Mails Pädophile schnappen. Lobenswert, aber vergleichbar mit der Überwachung von Zivilpersonen mit der Begründung, man wolle Terroristen erwischen.

Doch generell bleibt das Gefühl, dass die meisten Menschen nicht interessiert sind, an dem, was da eigentlich im Netz mit ihren Daten geschieht. Ob das an einem Mangel an Informiertheit oder an der gelegentlich sehr abstrakten Thematik liegt, ist dabei nicht gerade eindeutig.