NAESTVED
THOMAS FAERGEMAN (POLITIKEN)

Wie das dänische Næstved ein internationales Recyclingzentrum werden will

Von außen sieht das Gebäude wie ein Bau aus den frühen Tagen der britischen industriellen Revolution aus. Aber im Inneren hat es eine der modernsten Anlagen zur Sortierung von Glas - das gar so weit fortgeschritten ist, dass der deutsche Besitzer uns nur ungern Fotos aus der Nähe davon machen lässt, aus Angst, dass dessen Wettbewerber die Geschäftsgeheimnisse dahinter herausfinden könnten.

Es gibt einen harten Wettbewerb zwischen Glas-Recycling-Unternehmen. Die Möglichkeit, Gewinn zu erzielen, hängt von der Leistungsfähigkeit und dem technologischen Niveau der Produktion ab, was Hand in Hand mit einer Prise Geschäftssinn geht. „Moderne europäische Glasfabriken wurden neu gestaltet, um Altglas zu recyceln, und sie sind alle sehr zufrieden damit, denn dies ist viel billiger als neue Rohstoffe und man kann seine Energiekosten mit Altglas um 30 bis 40 Prozent drücken“, erklärt Kim Lykke, Abteilungsleiter bei Reiling Glas Recycling Danmark, welches Teil der deutschen Reiling Unternehmensgruppe ist.

Harter Wettbewerb für gebrauchtes Glas

„Das Ergebnis dessen ist ein umkämpfter Markt, um Altglas zum richtigen Preis zu erwerben. Man kann eine Menge Geld machen, wenn man Glas richtig sortiert“, sagt er. Kim Lykke ist verantwortlich für den Verkauf von gebrauchtem Glas im Namen des Unternehmens und hat festgestellt, dass sich die Marktsituation dramatisch verändert hat. Es kostet viel mehr, Altglas zu erwerben. Auch Weinflaschen, die in ganz Dänemark in Altglascontainer geworfen werden, sind zu wertvollen Produkten geworden. Reiling hat beschlossen, sich in der Mitte von Næstved in einer alten Papierfabrik anzusiedeln, genauer gesagt in Maglemølle, das von den 1930er Jahren an bis zum Jahr 2012 betrieben wurde, als die letzten Demontagemaßnahmen stattfanden. Das Gebiet liegt in der Nähe des Hafens und des Næstved Canal und bietet direkten Zugang zur Ostsee und dem Großen Belt.

Viele der Gebäude wurden als erhaltungswürdig eingestuft - aber einige von ihnen sind sehr abgenutzt. Es war eine Herausforderung, die Mittel zu finden, um die Gebäude beizubehalten, und als Folge dessen versuchen die lokalen Behörden gerade, neue Unternehmen dazu zu bewegen, sich hier niederzulassen. In dieser Hinsicht ist Kim Lykke zufrieden. „Wir möchten der Gemeinde von Næstved unseren Lob aussprechen, weil sie so zuvorkommend, effizient und hilfsbereit waren, als wir an ihre Tür geklopft haben. Sie wollen ein Recycling-Mekka werden“’, sagt er.

Die Notwendigkeit eines Industriezentrums

Es dauerte eine Zeit, bis Kim Lykke die deutschen Besitzer davon überzeugen konnte, dass es sinnvoll ist, ein Geschäft in Næstved zu eröffnen. Heute beschäftigt das Unternehmen hier 35 Mitarbeiter.

„Meine deutschen Kollegen waren weniger zuversichtlich. Sie glaubten nicht, dass es möglich war, dass ein Unternehmen wie das unsere sich mitten in so einer Stadt niederlassen darf. Das wäre in Deutschland niemals passiert. Aber die Gemeinde von Næstved ebnete uns den Weg in einer so zuvorkommenden Weise, dass es uns möglich war, schnell mit der Produktion zu beginnen“, sagt Kim Lykke.

Die Reiling-Anlage läuft 24 Stunden am Tag an Wochentagen und ist so konzipiert, dass sie auch an Wochenenden betrieben werden kann. Sara Vergo von der Gemeinde Næstved hat dazu auch etwas zu sagen: „Historisch gesehen, gab es immer ein Industriegebiet in Maglemølle, und jeder Bürger hat mindestens einen Verwandten, der bei der Papierfabrik gearbeitet hat. Es ist Teil der DNA der Stadt, Industrieunternehmen in der Nähe des Hafens zu haben“, erklärt sie. Sara Vergo dient als Projektleiterin für „Ressource City“, das den Namen des Unternehmens trägt, welches zusammen mit dem Maglemølle Business Park angelegt wurde. Das Ziel ist es, Unternehmen, die sich gegenseitig helfen, ihre Materialien zu recyceln, zu gewinnen, sowie 100 neue Arbeitsplätze in der Hoffnung, dass der Schneeballeffekt auftritt und mindestens zehn Recycling-Unternehmen in den nächsten Jahren hinzugewonnen werden. „Ressource City passt zu Maglemølle. Man kann den industriellen Bereich mit den alten Fabrikgebäuden aufwerten - und gleichzeitig die Umwelt schützen - und dank der zentralen Lage in Næstved und dem direkten Zugang zum Hafen, ist dieses Gebiet ideal für beide Unternehmen und für regelmäßige Besucher“, sagt Sara Vergo.

Fenster werden zu Marmeladengläsern

Direkt neben Reiling gelegen ist Swedish Ragn-Sells, ein anderes Unternehmen, das sich auf Recycling und Wiederverwertung spezialisiert hat.

Ragn-Sells erhält Abfälle von anderen Industrieunternehmen - aber auch Behälter von Abfallwiederverwertungs-Standorten aus ganz Dänemark. Einer der Behälter ist voll mit alten Türen und Fenstern. Und Ragn-Sells hat einen Deal mit Reiling abgeschlossen, um dieses Glas aus den Fenstern erwerben zu können.

„Wir lassen die Fenster und die Türen zerbersten und führen eine vorläufige Sortierung von Holz und Metall durch. Reiling erwirbt dann das Klarglas, das in ihrer Produktion verwendet werden soll“, sagt Mads Nissen, Maschinenführer und Vorarbeiter im Ragn-Sells-Werk in Næstved. „Dies ist die Art der Wiederverwertung, die wir durch Ressource City fördern möchten“, sagt Sara Vergo.

Ressource City eröffnet derzeit ein Haupt-Büro, das mit damit beauftragt ist, Unternehmen anzulocken und diesen Support anzubieten. Vorerst werden die Mitarbeiter in einer ehemaligen Kaserne in der Nähe ihren Wohnsitz haben.

Der Stadtrat von Næstved sieht großes Potenzial in dem Projekt, das mit drei Millionen dänischen Kronen (ca. 0,4 Millionen Euro) finanziert wurde. Das Geld wird für die Rekrutierung von Mitarbeitern für das Hauptbüro, die strategische Entwicklung und Einrichtung von dauerhaften Strukturen in Kraftcentralen, dem ehemaligen Kraftwerk, das Strom und Wärme für die Papierfabrik liefert, verwendet.

Darüber hinaus hat die Nationale Agentur für Umweltschutz für Ressource City 3,5 Millionen dänische Kronen (ca. 0,47 Millionen Euro) an Finanzierungsgeldern gestiftet. Das Geld wird verwendet, um Innovationen voranzutreiben und Arbeitsplätze zu schaffen, wobei der Fokus auf Unternehmertum gelegt wird.

„Wir führen entschlossene Anstrengungen durch, um Unternehmen an Land zu ziehen und diejenigen, die daran interessiert sind, Teil des Projekts zu werden, zu unterstützen. Wir wollen den Unternehmen professionelle Beratung bieten, um herauszufinden, ob das Potential zur Ressourcenschonung da ist. Diese Prüfung ist kostenlos’“, sagt Sara Vergo. Viele Städte konzentrieren sich auf die Gewinnung von Wissenschaftlern, Tech-Profis und anderen auf High-Tech spezialisierten Experten. Warum geht Næstved in diese Richtung? „In erster Linie weil Recycling ohne High-Tech meist nicht funktioniert - wie man an dem farboptischen Sortiersystem von Reiling erkennen kann. Zweitens sind wir der Überzeugung, dass in Zukunft das rasche Bevölkerungswachstum eine Preiserhöhung des Materials nach sich ziehen und dadurch die Nachfrage nach Materialien wachsen wird, so dass dies viel profitabler als heute sein wird“, sagt sie. Das Hauptbüro von Ressource City bietet Betreuung, Unterstützung bei der grünen Geschäftsentwicklung, gemeinsam genutzte Büroräume und eine Werkstatt mit modernen Maschinen, die zur Entwicklung neuer Prototypen beitragen wird.

Ist PVC wiederverwertbar?

Mads Nissen, Vorarbeiter von RagnSells, sagt, dass er fünf Tonnen PVC pro Woche erhält, vor allem in Form von Platten für Gartenhäuser und Carports. „Es nimmt eine Menge Platz ein und es muss zu einer speziellen Deponie transportiert werden. Wir sind nicht in der Lage, es zu recyceln und es ist zu giftig, um es zu verbrennen“, sagt Mads Nissen. „Das ist etwas, was wir sehr gerne ausprobieren und lösen möchten. Wenn Ressource City in der Lage ist, ein paar Studenten der Technischen Universität Dänemark (DTU) davon zu überzeugen, einen Blick auf diese Angelegenheit zu werfen und eine Lösung zu finden, wären wir extrem begeistert“, sagt Sara Vergo. Maglemølles gesamte Wohnfläche umfasst 60.000 Quadratmeter, die auf 79 Gebäude aufgeteilt sind, so dass viel Raum für Entwicklung besteht.

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