LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Am Donnerstag feierte George Taboris Erstling „Flucht nach Ägypten“ im TNL seine europäische Erstaufführung

Die hiesige Theatersaison nimmt sich zurzeit auffallend politisch aus: Nach der europäischen Produktion „99%“ in Esch/Alzette und dem für Mitte März im Kasemattentheater angesetzten Projekt „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“ widmet sich auch das TNL mit „Flucht nach Ägypten“ dem Thema der Migration in ihrer politischen, wirtschaftlichen und ethnischen Bedingtheit. Nach mehr als 50 Jahren wird dort der dramatische Erstling des Literaten, Schauspielers und Theaterregisseurs George Tabori (1914-2007) in einer europäischen Erstaufführung von Frank Hoffmann inszeniert.

Das Stück des Büchner-Preisträgers handelt - als Umstülpung der biblischen Fluchtbewegung - davon, wie die dreiköpfige Familie Engel 1949 nach Kairo flieht, um von dort aus die Überreise in die USA zu organisieren. In den Räumlichkeiten eines halbseidenen Hotels harren der durch die Kriegsgefangenschaft verkrüppelte Vater Franz Engel, seine Frau Lili Engel und der gemeinsame Sohn Bubi der Dinge, die da kommen. Sie sind dabei der Willkür ihrer Umgebung ausgesetzt: Derjenigen des Hoteliers, der den Wert seiner Gäste nach deren Barbeständen misst, derjenigen des amerikanischen Botschafters, der seine Visa nur an gesunde, d.h. arbeits- und zukunftsfähige Menschen vergibt und derjenigen des Arztes, der eigennützig von der körperlichen Not anderer profitiert.

Im Wirbel der Machenschaften

Im Wirbel all dieser Machenschaften steht die Figur der Lili Engel, die in ihrem Versuch, zugleich selbstlos zu lieben und den desolaten Umständen entsprechend zu handeln, eindrücklich von Tatjana Nekrasov gemimt wird. In szenischen Schlaglichtern gerät sie an die verschiedenen typisierten Personen und erfährt in oftmals humoristisch pointierten Dialogen, dass eine geglückte Zukunft weniger auf Arbeit und Eigeninitiative beruht als vielmehr auf Beliebigkeit und dem Gutdünken anderer. Heikko Deutschmann, der die Figur des Franz Engel spielt, überzeugt vor allem in den wenigen monologistischen Auftritten, die seine Rolle ihm zugesteht. Sein verzweifelter Versuch, dem amerikanischen Arzt vorzumachen, er sei gesund und bereit für die Überfahrt nach New York, ist eine herausragende rhetorische Ballung all des Leids, das er als KZ-Überlebender, Krüppel und jahrelanger Flüchtling angehäuft hat.

Keine moralistische Theatralisierung des Stoffes

Eine Inszenierung, die im Februar 2015 an den Start geht und ein Migrantenschicksal verhandelt, schreibt sich notgedrungen und unumwunden in den aktuellen politischen Kontext ein.

Frank Hoffmann vermeidet hierbei eine exzessive und moralistische Über-Theatralisierung des Stoffes und verweigert sich derart einem aktionistischen „Empört euch endlich!“. Einem solch kurzsichtigen und pseudo-engagierten Aufschrei setzt er eine Aufführung entgegen, die sich stattdessen und zu Recht auf die beeindruckenden schauspielerischen Stärken des 13-köpfigen Ensembles verlässt.

Mitnichten wurde der vorgestrige Abend dadurch zur Nabelschau der eigenen dramatischen Fähigkeiten. Ganz im Gegenteil erlaubte gerade die Konzentration auf das Schauspiel, zusammen mit dem reduzierten Bühnenbild und dem Einsatz des so genannten Trackings - dank eines Chips ist jedem Schauspieler ein Scheinwerfer zugeordnet -, den tiefgreifenden Nachvollzug dessen, was eine heimatlose und ohnmächtige Familie, unabhängig ihrer zeitlichen und räumlichen Fixierung, auf der Flucht zu erleiden hat.


Weitere Vorstellungen: 7., 8., 24., 25. und 27. Februar

um 20.00 im TNL. Die Vorstellung am 8. Februar

beginnt bereits um 17.00