GREVENMACHER
CORDELIA CHATON

Romain Hilger und seine Kinder berichten, warum alle drei ins Unternehmen einstiegen und warum ein Mittelständler wie OST Fenster interessanter ist als ein Weltkonzern

Romain Hilger (58) ist Geschäftsführer von OST Fenster in Grevenmacher – und stolzer Vater von Sven (29), Lynn (27) und Sarah (24). Seine drei Kinder arbeiten mittlerweile alle im Unternehmen. Sie erzählen, wie sie sich nach ganz unterschiedlichen und teils sehr internationalen Karrieren dafür entschieden haben, lieber die Nachfolge ihres Vaters anzutreten, als bei einem Konzern zu arbeiten.

Herr Hilger, Ihre drei Kinder arbeiten alle in Ihrem Unternehmen. Hatten Sie das so geplant?

Romain Hilger Nein, überhaupt nicht. Vor zehn Jahren habe ich mir erstmals Gedanken über die Nachfolge gemacht. Damals hatten wir 70 Mitarbeiter, heute haben wir 85. Das ist schon eine große Verantwortung. Ich habe aber den Kindern nie gesagt, dass sie ins Unternehmen einsteigen müssen. Sie haben hier Praktika gemacht, aber nicht mehr. Meine erste Idee war, Mitarbeiter aus dem Unternehmen anzusprechen, aber die Umsetzung war finanziell nicht möglich. Dann kam Lynn mit der Idee, hier anzufangen.

Warum wollten Sie zu Ihrem Vater?

Lynn Ich habe Wirtschaft in Frankreich studiert und daraufhin in Kanada meinen Master in International Management gemacht. Mit 16 Jahren hatte ich mich jedoch bereits dazu entschlossen, später bei meinem Vater zu arbeiten. Ich habe miterlebt, was er alles aufgebaut hat. Das ist großartig und vorbildlich. In meiner Studienzeit machte ich ein Praktikum bei Mercedes in Stuttgart im Flottenbereich. Das ist ein großer Konzern, der mich auch gern behalten hätte. Der Anreiz war groß, aber hier ist die Stimmung einfach anders. So habe ich im Mai 2012 bei OST Fenster angefangen. Jetzt leite ich den Kundenservice, plane die Montagen und mache die Verwaltung. Wenn Aufträge abgeschlossen sind, prüfe ich diese und mache Nachkalkulationen.

Traditionell übernimmt oft der älteste Sohn den Laden. Haben Sie sich das mal vorgestellt?

Sven Nein, von Anfang an stand fest, dass meine Schwester Lynn das tun würde. Ohnehin bin ich eher technisch veranlagt. Anfangs habe ich mich auch gar nicht für OST Fenster interessiert, sondern für die Armee. Deswegen habe ich damals Industriemechaniker gelernt. Am letzten Examenstag hatte ich mit meinem Vater ein Gespräch über meine Zukunft, weil ich nicht so recht wusste, ob Industriemechaniker die richtige Entscheidung war. Da war ich 18 und habe meinen Vater gefragt, was ich tun muss, um bei ihm einzusteigen. Das Unternehmen kannte ich schon von Praktika. Er meinte, eine Gesellenprüfung als Schreiner wäre hier der erste logische Schritt. Die habe ich dann bei einem Schreinerbetrieb in Ettelbrück abgeschlossen und anschließend praktische Erfahrung in Bettendorf bei der Menuiserie Kremer gesammelt. Aber ich wollte mehr lernen. Deshalb habe ich in Karlsruhe meinen Abschluss an der Akademie für Glas, Fenster und Fassaden gemacht und hatte somit meine Meisterprüfung als Glaser mit Schwerpunkt Fensterbau. Jetzt bin ich also Mechaniker, Schreiner und Glasermeister. Eine bessere Ausbildung hätte ich mir nicht wünschen können. Anfangs bei OST habe ich die Objektabteilung übernommen. Meine Aufgabe war hier vor allem die Betreuung von Großkunden. Jetzt leite ich die Technikabteilung und Arbeitsvorbereitung.

Wenn schon zwei Geschwister im Unternehmen sind, warum haben Sie sich auch dafür entschieden?

Sarah Ich habe Media Management in Köln studiert. Als ich fertig war, wollte ich ins Marketing. Hierher zu kommen, war eine Selbstverständlichkeit. Wir sind alle hier aufgewachsen und haben hier in den Ferien gearbeitet. Die Atmosphäre hier ist einfach super. Ich war auch einen Monat in einem Konzern, aber da ist der freundschaftliche Umgang nicht so da. Was anderes als unser Unternehmen wäre für mich nicht in Frage gekommen. Und alle haben mir gesagt: Du wirst hier gebraucht. Jetzt kümmere ich mich um das Marketing, Newsletter, unsere Homepage, Facebook, LinkedIn und andere Netzwerke.

Herr Hilger, motivieren die eigenen Kinder – oder hemmen sie?

Romain Ich kenne einige Freunde meiner Kinder, die nach der Schule keinen Job finden. Andere haben Eltern, die jetzt 45 sind und um ihren Job bangen. Arbeitsplätze sind oft nicht da oder sind einfach nicht sicher. Hier weiß ich, was ich habe. Ich bin jetzt 58 und will in den kommenden Jahren das Unternehmen übergeben. Damit kann ich meinen Kindern eine Perspektive geben. Wie sie ticken, weiß ich nur zu gut, ich bin schließlich ihr Vater. In meiner Jugend war ich im Radsport aktiv, hatte aber auch Werkzeugmacher gelernt. Nachdem ich internationalen Erfolg im Radfahren hatte, habe ich entschieden, mich erst dem Sport zu widmen. Anfangs ging das noch, aber bald fuhr ich in der zweiten oder dritten Reihe. Dann habe ich mir einen Job gesucht. Meine Anfänge waren als Verkäufer bei Peugeot. Später hätte ich auch bei Cargolux oder der Ackerbauverwaltung arbeiten können. Aber ich habe mich 1980 selbstständig gemacht, indem ich mit meinem Vater eine Schreinerei in Manternach übernahm. Dann kam eine Gesellenprüfung als Schreiner in Abendkursen. Daraufhin die Meisterprüfung. In den Folgejahren wurde ich Kunde bei OST Fenster. 1985 hat mir der damalige Eigentümer seine Firma zum Verkauf angeboten. Dies habe ich nach drei Jahren als Geschäftsführer im Januar 1989 dann auch getan. Schon 1990 haben wir neu gebaut. Seit 1991 produzieren wir hier auf dem Potaschberg.

Sie haben noch eine Tochter, die aber nicht hier arbeitet.

Hilger Nein, sie arbeitete zehn Jahre hier im Unternehmen und hat sich schlussendlich für ein Leben in der Schweiz entschieden. Sie brauchte etwas Abstand, aber nicht aus Gründen, die das Unternehmen betreffen.

Wie entscheidet man in einer so großen Familie, wer welche Rolle hat und was übernimmt?

Sven Wir haben einen Familienrat. Außerdem haben wir bereits steuerliche Modelle durchgespielt und uns für die Soparfi entschieden, eine Gesellschaft, die die Unternehmensanteile hält.

Wie reagieren die Mitarbeiter?

Romain Da gab es natürlich Ängste. Vor fünf Jahren kam mein Geschäftsführer, der natürlich wissen wollte, woran er war, als Lynn einstieg. Aber es gab klare Absprachen, das hat viel entschärft. Und hier bei OST Fenster haben wir flache Hierarchien. Ich habe einen Notar gebeten, eine Familiencharta auszuarbeiten, zur Festlegung von Richtlinien und zur Übergabe, das läuft. Natürlich war es auch von Vorteil, dass die Mitarbeiter meine Kinder aus deren Praktika kannten.

Ist der Job so, wie Sie sich das vorgestellt haben?

Lynn Ich dachte immer, dass die Kunden umgänglicher sind. Das ist manchmal schwierig. Die Gesellschaft hat sich verändert. Das habe ich besonders gemerkt, als ich von Kanada – wo Freundlichkeit, Zuvorkommenheit und Dienstleistung großgeschrieben wird – hierher zurückkam. Die Leute werden immer anspruchsvoller und sind zugleich sehr ungeduldig, was es nicht einfach macht, sie zu 100 Prozent zufriedenzustellen.

Sarah Wir sind eines der ganz wenigen Familienunternehmen, das noch produziert. Das ist nicht immer einfach. Aber darauf sind wir stolz. Über Wartungsverträge bleiben wir mit unseren Kunden im Kontakt.

Sven Für mich ist ganz klar mein Vater mein Vorbild. Außerdem hat er einen ähnlichen Werdegang. Er ist auch Feinmechaniker, Schreiner und Meister. Es ist einfacher, hier mit ihm oder den anderen zu sprechen, der Umgang ist locker und vertraut. Das ist ein Riesenvorteil. Außerdem ist der Zusammenhalt größer. Der Name zählt ebenfalls. Unser Unternehmen ist sehr bekannt in Luxemburg und viele reagieren positiv auf den Namen Hilger. Und schließlich: Jeder Tag ist anders, es wird nie langweilig. Aus all diesen Gründen habe ich auch nie Zweifel an meiner Wahl.