CHRISTINE MANDY

Was ist der Mensch? Das ist eine Frage, die wir uns im Laufe unseres Lebens häufig stellen und auf die wir immer wieder neue Antworten finden. Letztens habe ich mich im Spiegel betrachtet und darüber nachgedacht. Mein Blick fiel auf einen großen blauen Fleck an meinem Knie. Ich betrachtete meinen Körper und sah, dass das Leben seine Spuren auf mir interlassen hat. Ich sah Kratzer, Pickel, Rötungen und Narben. Nun braucht man Bagatellen nicht künstlich hochzuschaukeln. Und doch wurde mir in dem Moment bewusst, wie zerbrechlich wir Menschen doch sind und was wir in erster Linie sind. Nämlich Wesen mit Bedürfnissen.

Homo toilettus

Wir wollen ein weit entwickeltes, komplexes Lebewesen sein, suchen in unserem Leben einen tieferen Sinn und entwickeln die erstaunlichsten Dinge. Wir streben und schuften - doch schon ein leichter Kopfschmerz kann uns aus der Bahn werfen. Mal ziept es hier, mal ziept es dort, und es gibt praktisch immer etwas, das uns die Laune verderben kann. Unseren Alltag müssen wir nach den allersimpelsten Bedürfnissen richten. Der Toilettengang und das Mittagessen müssen eingeplant sein, andernfalls stoßen wir erstaunlich schnell an unsere Grenzen, auch wenn wir uns noch so oft einreden, dass wir so primitiv doch unmöglich sein können! Aber an der Tatsache, dass auf keiner Veranstaltung dieser Welt die Essstände fehlen dürfen, erkennt man schon, dass wir doch relativ oft Angst haben zu verhungern oder zu verdursten. Nicht ganz zu Unrecht. Pinkeln und Wasser trinken müssen wir auch im 21. Jahrhundert- und das trotz aller Wunder der modernen Technik. Im Vergleich zu den Tieren haben wir sogar einen erheblichen Nachteil: Wir haben sehr viel mehr Bedürfnisse als sie. Manchmal fühle ich mich wie eine Figur aus dem Simulationsspiel „Die Sims“. Ich spüre förmlich, wie meine Balken mit der Aufschrift „Harndrang“, „Hunger“, „Spaß“, „soziale Kontakte“ und „Energie“ im Laufe des Tages vom grünen in den roten Bereich sinken.

Wollen, was man zu wollen hat

Selbstverständlich haben wir dazu noch eine Fülle an Bedürfnissen, die weitaus komplexer sind als das und für die es womöglich nicht einmal eine angemessene Bezeichnung gibt. Hinzu kommt zudem eine Vielzahl an Bedürfnissen, die wir eigentlich gar nicht wirklich haben, sondern lediglich zu haben glauben. Erzeugt wird diese Illusion vor allem durch die Werbung. „Du brauchst dieses neue 9- Tage- frisch- Deo“, „du brauchst diese neue Soja- Pseudo- Leberwurst“, das ist die Botschaft, die - meist erfolgreich - an uns vermittelt wird. Manchmal sind es aber auch schlichtweg die Ratschläge aus Magazinen oder von Bekannten, die uns glauben lassen, etwas zu benötigen, wonach unser Körper gar nicht wirklich verlangt. Ich würde nun diese moderne Volkskrankheit „Burnout“ gar nicht als Scheinphänomen abtun wollen, doch es ist so, dass mir selbst häufig eingeredet wird, dass ich doch eigentlich sehr erschöpft sein muss. „Ach du armes Kindchen, sechs Stunden Uni in der Woche, einmal Sport und fast jeden Tag selber kochen - das kann einfach nicht mehr gesund sein, so ein unzumutbarer Stress!“. Ebenso müsste ich doch jetzt das dringende Bedürfnis verspüren, zum Oktoberfest zu gehen, literweise Bier in mich reinzuschütten und ein halbes Kilo Bratwurst zu verdrücken. Wenn man dieses Bedürfnis nicht hat, sondern eher das, abends ein paar Seiten zu lesen oder ins Theater zu gehen, ja dann kann doch wohl etwas nicht mit rechten Dingen zugehen! Nach diesem Motto werden manche Bedürfnisse als „normal“ eingestuft und andere als „unnormal“. Die einzige Unterscheidung, die wir nicht vornehmen, ist die zwischen den wirklichen und den Schein- Bedürfnissen, eine Grenze, die für uns wohl gar nicht mehr so eindeutig zu bestimmen ist.

Mehr haben, mehr brauchen

Tatsächlich lässt sich der Gedanke der Bedürfnisse soweit auf die Spitze treiben, dass wir uns fragen könnten, ob nicht gar jede unserer Taten auf ein Bedürfnis als Ursache zurückzuführen ist. Unbestreitbar ist schon mal die Tatsache, dass wir nichts ohne Grund tun. Die Frage, die nun offenbleibt, ist die, ob jeder Beweggrund gleichzeitig ein Bedürfnis ist. Warum schreibe ich diesen Artikel? Für mich sind es ohne Zweifel der Drang zu schreiben, der Drang mich mitzuteilen, der Drang, mit Menschen zu diskutieren und vielleicht im Hintergrund auch das Bedürfnis, mir ein kleines Taschengeld dazuzuverdienen. Ebenso haben Sie als Leser sicher ihre Gründe, warum Sie das „Journal“ lesen. Wenn ich das Geld erwähne, dann, um auf das absurdeste Bedürfnis überhaupt hinzuweisen. Geld an sich befriedigt nämlich überhaupt kein Bedürfnis. Und es begehrt wohl niemand das Geld um seiner selbst willen. Wir haben nur das Gefühl, es zu brauchen, weil es uns ermöglicht, damit andere Bedürfnisse zu stillen. Wenn wir Geld haben, dann bieten sich uns neue Möglichkeiten, es einzusetzen, dann werden ein Haufen Bedürfnisse in uns geweckt, die wir andernfalls niemals besessen hätten. Und das ist der Grund, warum ich niemals reich werden will. Ich würde nie vergessen wollen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein. Ich würde nie vergessen wollen, wann ich meinen natürlichen Instinkten folge und wann dem künstlich errichteten Weg zu einem Schein- Ziel.