LUXEMBURG
SVEN WOHL

Für die Literaturwissenschaft spielt die Migrantenliteratur eine wichtige Rolle

Migrantenliteratur ist längst als Thema in der Literaturwissenschaft angekommen. Migranten sorgen nicht nur für spannende Lektüren, die einen neuen, frischen Blick auf die eigene Kultur werfen, sondern sie sorgen auch dafür, dass an den jeweiligen Universitäten reichlich über sie diskutiert, recherchiert und geschrieben wird. Prof. Dr. Dieter Heimböckel beschäftigt sich an der Universität Luxemburg bereits seit 2009 im Rahmen der Interkulturalität unter anderem mit der Migrantenliteratur. Ein reichlich kompliziertes Thema, wie sich herausstellt, aber wann ist etwas in der Literaturwissenschaft schon unkompliziert?

Langwierige Namenssuche

Alleine über den Begriff „Migrantenliteratur“, beziehungsweise „Migrationsliteratur“, wird noch arg diskutiert. Denn ob diese Begriffe überhaupt auf das zutreffen, was man zu analysieren versucht, ist umstritten. „Wie nennen wir die Literatur jener Autoren, die einen anderssprachigen Lebenshintergrund haben und in ein anderes Land einwandern und literarisch aktiv werden?“, formulierte Dieter Heimböckel diese Frage im Interview mit dem „Journal“ aus. In der deutschsprachigen Literatur erhielt diese Frage zum ersten Mal ihre Relevanz in den 1950er Jahren: Damals kamen Gastarbeiter aus (dem ehemaligen) Jugoslawien, Italien und natürlich der Türkei nach Deutschland, um dort Arbeit zu finden.

„Die Werke von Autoren aus diesen Ländern wurden mit dem Etikett „Gastarbeiterliteratur“ belegt“, erklärte Dieter Heimböckel, stellte allerdings klar, dass dieses zunächst dann doch sehr pejorative Etikett nach und nach ersetzt wurde. Zwar habe sich der Begriff der „Migrantenliteratur“ (oder eher noch „Migrationsliteratur“) mittlerweile eingebürgert, doch ob der eine oder andere endgültig steht, bleibt eine offene Frage: „Die Diskussion um den passenden Begriff ist noch immer nicht abgeschlossen“, hält Dieter Heimböckel fest.

Denn die Probleme, die die beiden Begriffe schaffen, sind mannigfaltig. Muss Migrationsliteratur eigentlich von Migranten geschrieben werden? Müssen Migranten über Migration schreiben? Lässt sich das Etikett „Migrant“ überhaupt einfach so auf solch einen Autoren applizieren? Ähnliche Problematiken ergeben sich bei der Exilliteratur, die auch gerne der Migrantenliteratur zugerechnet wird. Doch hier wird eine inhaltliche Unterscheidung gemacht: Falls die Exil-Autoren ihr Exil thematisieren oder gar ein Sprachwechsel vorhanden ist, könnten sie aus migrationsliterarischer Sicht interessant sein. Bei einem Autor wie Thomas Mann war vor allem Letzteres nicht der Fall, womit dieses Etikett sich nur schwerlich applizieren lässt.

Sprachverwirrungen

Ein wichtiger Aspekt der Migrantenliteratur ist dabei die Sprache: Da die Autorinnen und Autoren normalerweise nicht in der Sprache schreiben, die ihre Muttersprache darstellt, kommt es zu einem „Unvertrautmachen“ dessen, was die Durchschnittsleser eigentlich ganz gut kennen: Ihrer eigenen Umgebung. „Das führt unweigerlich zum Unvertrautmachen der Perspektive, die die Leser dazu verleitet gewohnte Denkweisen und Wahrnehmungsformen kritisch zu hinterfragen“, so Dieter Heimböckel. Die Reflexion betrifft allerdings auch das Herkunftsland des Autors, es handelt sich also nie um eine Konstellation der Einseitigkeit, sondern der Wechselseitigkeit.