NORA SCHLEICH

Das Selbstbewusstsein ist ein stetes Mysterium und somit seit jeher ein Thema der Philosophie. Man könnte die Problemstellung um das Selbstbewusstsein vielleicht sogar als aporetisch beschreiben. Aporetik meint die Auseinandersetzung mit schwierigen oder unlösbaren philosophischen Themen - und ja, einer meiner Lieblingsbegriffe. Aber dies nur am Rande. Wie komme ich eigentlich zu dem Bewusstsein meines Selbst?

Zahlreiche Philosophen machten sich daran, Theorien und Lösungsansätze diesbezüglich auszuarbeiten. Heute sollen zwei Konzeptionen des Selbstbewusstwerdens vorgestellt werden. Zu Wort kommen René Descartes, Philosoph des 17. Jahrhunderts und Jean-Paul Sartre, Denker des 21. Jahrhunderts. Zwar eint die beiden die französische Nationalität, jedoch könnte ihre Auffassung, wie der Mensch zum Selbstbewusstsein gelangt, nicht kontrastreicher sein. Doch lesen Sie selbst, und entscheiden Sie, mit welcher Deutung Sie sich am ehesten identifizieren können.

René Descartes ist bekannt für die Methode des Zweifels, anhand welcher er sich den Weg zur einer absoluten Wahrheit als Fundament eines Wissenssystems bahnen wollte. So ist laut Descartes alles was wir wahrnehmen, als nicht-wahr einzustufen, wenn auch nur ein Hauch von Zweifel dagegen zu erheben ist. So sind Sinneseindrücke nicht stets zuverlässig, Reflexionen können auch fehlerhaft sein, und sogar von der Realität kann nicht mit Sicherheit behauptet werden, dass sie nicht eine Illusion ist. Vielleicht träumen wir ja gerade bloß äußerst real? Also gelangt Descartes an den Punkt, an dem eigentlich alles um uns herum in Frage zu stellen ist. Außer, dass es den Zweifel gibt. Zweifelt man den Zweifel an, ist man wieder am Zweifeln. Diese Einsicht ist laut Descartes gewiss. Da Zweifeln ein Akt des Denkens ist, ist auch das Denken gewiss. Und da das Denken auch einen Denkenden braucht, ist das Sein eines denkenden Etwas auch gewiss. So wird der Zweifelnde sich durch die Absonderung seines ganzen Umfeldes, ja gar der externen Realität auf sein Selbst gestoßen, als bis zu diesem Moment einzige Tatsache, die nicht in Frage zu stellen ist und somit als wahr gilt. Das Ich manifestiert sich in der absoluten Abgeschiedenheit von allem drum herum - erst dann kann ich mich mental in Gewissheit wahrnehmen.

Eine Diskussion zwischen Descartes und Sartre wäre wohl recht hitzig verlaufen. Letzterer hat nämlich eine ganz andere Vorstellung, wie sich das Ich seines Selbst bewusst wird. So setzt Sartre das Selbstbewusstsein als dynamische Relation zum Umfeld fest. Seiner Argumentation zufolge ist der Mensch ab dem Moment seiner Geburt in einem Kontext situiert, der ihn fortlaufend prägt. Im Kindesalter ist es die Erziehung der Eltern, später wird es das Miteinander unter Gleichaltrigen, und so weiter.

Nach und nach wird sich der Mensch seines Umfeldes bewusst, nimmt wahr, was ihm zugegen ist und reagiert auf Eindrücke und Einflüsse. Durch das Wahrnehmen des Anderen wird der Mensch aber auch auf denjenigen stoßen, der den Anderen eigentlich gerade wahrnimmt. Äußert das Kleinkind zunächst nur das „Du“ oder das „Er“, und spricht nicht selten von sich erstmal in der dritten Person, so kommt es erst zu einem späteren Moment darauf, das Pronomen „Ich“ zu verwenden. Ein Indiz dafür, dass erst das Umfeld bewusst wahrgenommen werden muss, bevor man sich des Selbst bewusstwerden kann. Sartres Beweisführung geht aber noch weiter.

Erst durch die Interaktion mit meinem Umfeld und der Reaktionen meiner Mitmenschen bildet sich mir ein Bild meiner Selbst. Ohne dieses intersubjektive Miteinander würde mir jegliche Resonanz auf mein Dasein fehlen, welches meiner Existenz den Eindruck der Nichtigkeit verleihen würde. Wer schämt sich schon für eine unangebrachte Handlung, wenn niemand sie gesehen hat? Bohre ich aber in der Nase, und mein Gegenüber ertappt mich dabei, werde ich mir unmittelbar bewusst, dass ich mich unpassend verhalten habe. Scham ist, laut Sartre, eines der stärksten Gefühle, die mich zu meinem Selbstbewusstsein führen können. Eine weitere schöne Illustration dafür, dass die Gesellschaft das Selbst nährt, ist die Geschichte von Robinson Crusoe. Fernab aller zivilen Interaktion verfällt Robinson einem wahrhaften auto-subjektiven Regress. Er verlernt das Sprechen, achtet nicht mehr auf seine körperlichen Bedürfnisse und krümmt sich alsbald in einer fötalen Position im Sand - bis Freitag auftaucht!

Den Weg zum Selbst zu finden gestaltet sich also aus beiden Sichten sehr komplex. Die Worte des Dichters Ferstl sind jedoch Mut machende Wegbegleiter: „Ohne den Glauben an unsere Einzigartigkeit fehlt uns der Schlüssel zur Tür unseres Selbstbewusstseins.“