LUXEMBURGCORDELIA CHATON

Ex-Vizepräsident der Weltbank, Mandela-Berater und Oxford-Professor zu Besuch in Luxemburg

Ian Goldin ist ein Mann mit Überzeugungen. Deshalb hat der Südafrikaner seine Heimat verlassen, deshalb schreibt er Bücher, in denen es um die aktuellen Themen geht: Migranten, Gouvernance oder Klimawandel. Als Direktor der Oxford Martin School leitet Ian Goldin eine interdisziplinäre Forschungsgruppe, an der über 300 Wissenschaftler beteiligt sind. Alle arbeiten an den großen Themen der Zeit. Dazu zählt auch das Thema Migration, mit dem sich Prof. Goldin auseinander gesetzt hat. In seinem Buch „Exceptional People: How Migration shaped our world and will define our future“ geht er darauf ein.

Vor ausgesuchtem Publikum äußerte er sich auf der Veranstaltung „Doers & Thinkers“ der Bank BGL BNP Paribas insbesondere dazu, warum Europa Migranten braucht. Dem „Journal“ erklärte der 60-Jährige im Interview seine Ideen im Detail.

Prof. Goldin, braucht Europa Flüchtlinge und Migranten?

Prof. Ian Goldin Die Wirtschaft braucht Migranten, ganz klar. Das wirft natürlich immer - vor allem momentan - Fragen auf zwischen lokalen Verantwortlichen und der Regierung wegen der kurzfristigen Kosten, für die etwas anderes zurückstehen muss. Da gibt es dann Leute, die die negativen Folgen tragen. Aber die Sache geht jedes Land an, auch wenn das Vorgehen unterschiedlich ist. Fast jedes Land in Europa hat zu wenig junge Leute. Fast alle haben weniger Migranten als Neugeborene. Wir werden aber alle älter, unsere Abhängigkeit und der Pflegebedarf steigen. Gleichzeitig sinkt unsere Rente mit der steigenden Lebenserwartung. Ohne produktiven Zuwachs wird es da schwierig.

Warum sollten Migranten ein Problem lösen, wenn es jetzt schon so viele Arbeitslose gibt?

Prof. Goldin Studien zeigen, dass Migranten viel aktiver sind. Schauen Sie sich nur das Silicon Valley an. Dort sind mehr als ein Viertel aller Unternehmen von Migranten gegründet worden. Über fünfzig Prozent der Wissenschaftler in den USA sind Migranten. Und unter den Nobelpreisträgern ist der Anteil an Migranten drei- bis fünfmal so hoch. Fazit: Wer mehr Migranten hat, hat mehr Dynamik. Ein anderes Beispiel ist die Stadt Toronto, die als einer der aktivsten und attraktivsten der Welt gilt. Dort sind 52 Prozent der Einwohner Migranten.

Nicht alle Bewohner Europas sind begeistert von den Flüchtlingen.

Prof. Goldin Es gibt einen juristischen Unterschied zwischen Flüchtlingen und Migranten, also Einwanderern. Flüchtlinge sind Menschen, die vor dem Tod flüchten, um ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Migranten kommen aus wirtschaftlichen Gründen. Angesichts der Flüchtlinge müssen wir uns die Frage stellen, ob unsere Gesellschaft human ist und wir diese Leute akzeptieren wollen. Griechenland und Italien können nicht alle Flüchtlinge nur wegen eines geographischen Zufalls aufnehmen. EU-Präsident Juncker hat ganz Recht, wenn er eine Aufteilung verlangt. Luxemburg hat sich ja sehr positiv verhalten und nimmt prozentual mehr Flüchtlinge auf als Großbritannien. Deutschland ist auch sehr bemerkenswert, die sind bald bei einem Prozent der Bevölkerung. Großbritannien hingegen hat seine Verantwortung nicht wahrgenommen. Übrigens ist die Herausforderung gar nicht so neu. 1990 sind fast genau so viele Flüchtlinge aus den Balkanländern gekommen. Frankreich hat in den 60er Jahren Millionen von Algeriern aufgenommen. In den USA leben viele Kubaner und Vietnamesen. Großbritannien selbst hat im zweiten Weltkrieg 10.000 Menschen in einer Woche aufgenommen - mehr, als es jetzt in einem Jahr aufnehmen will. Man kann diese Menschen nicht einfach an Hunger und Durst sterben lassen. Wir glauben immerhin an den Schutz des Lebens und geteilte Verantwortung!

Sie haben sich auch zu Governance geäußert. Wie beurteilen Sie die Situation von Volkswagen?

Prof. Goldin In meinem Buch geht es ja eher um globale Governance, um die Vereinten Nationen, Regierungen und Klimawandel. Volkswagen ist eine Tragödie, die zeigt, dass Unternehmen uns nicht immer mit Respekt behandeln. Sie zeigt den Zynismus, der auch schon in der Finanzkrise 2008 einen Kollaps provozierte und für einen enormen Vertrauensverlust sorgte. Der Enron-Skandal und die Libor-Krise hatten einen ähnlichen Effekt. VW ist interessant, weil Deutschland als Vorbild für Mitbestimmung galt. Jetzt zeigt sich: Struktur ändert Verhalten nicht. Es geht nicht um Governance, sondern um das grundlegende Verständnis von Prozessen. Beim Bankenskandal verstanden viele nicht, was los war. Und bei VW ist es ganz ähnlich. In den Boards sitzen alte Männer und Kids schreiben diese Programme. In meinem Buch „The Butterfly Effect“ behandele ich genau dieses Thema.

Bald erscheint Ihr neuestes Werk. Worum geht es da?

Prof. Goldin Um die neue Renaissance. Gutenberg hat mit seiner Presse die Verbreitung von Ideen ermöglicht. Auf einmal konnten Ideen reisen, geteilt und kommentiert werden. Wir müssen lernen, wie Technik Ideen beeinflusst. Der IS nutzt das Internet beispielsweise stark für sich.

Sie haben auch ein Buch zur Frage geschrieben, ob der Planet zu voll ist. Und?

Prof. Goldin Nein, wenn wir gut managen. Aber tun wir das? Wir brauchen erneuerbare Energien, jeder muss etwas tun. Bald findet in Paris die Klimakonferenz statt. Die Länder werden sich auf zwei Grad Celsius weniger einigen. Das ist zwar wichtig. Aber es muss gesetzliche Verpflichtungen geben..