FRANKFURT/MAIN
SIMONE MAYER/FRANZISKA GABBERT (DPA)

Städtischer Bauernhof oder Villa Kunterbunt: Wohnwelten auf der Messe Ambiente in Frankfurt

Trends spiegeln wider, was die Menschen bewegt. In der Einrichtung, insbesondere aber in Dekorationsgegenständen zeigt sich oft, was man im Alltag vermisst und sich über diese Kleinigkeiten wieder ins Leben holen will. Das sind nach Ansicht der Trendanalysten der deutschen Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt derzeit vor allem drei Strömungen.

Da sind die Menschen, die zwar auch gerne in der Großstadt leben würden, sich aber zugleich das Landleben, Ruhe und Entschleunigung herbeiwünscht. Daneben finden sich die Menschen, die sich gerne mit edlen und schönen Stücken umgeben - Alltagsgegenstände wirken hier wie Kunststücke. Und dann ist da die dritte Gruppe: Familien mit Kindern, bei denen es auf den ersten Blick zwar chaotisch wirken kann, die aber vor allem mit Lebensfreude eingerichtet haben.

Schönes und Einfaches für Zuhause

Große Veränderungen, gar komplett neue Trends gibt es dabei aktuell nicht. Vielmehr bleiben die wichtigsten Themen erhalten, sagt Annetta Palmisano von der Stilagentur bora.herke.palmisano, die für die Messe die Trends analysiert hat. Und doch, von Jahr zu Jahr ändert sich etwas in den Nuancen.

Zu sehen war das in inszenierten Wohnwelten der Messe für die drei Strömungen: „Quiet surrounding“ - quasi „die stille Umgebung“ - nennen die Trendexperten der Messe eine dieser Welten. Oder anders ausgedrückt: ein moderner städtischer Bauernhof. „Der natürliche Wunsch, der Hektik zu entkommen und ein ruhigeres Leben in der Natur zu führen, bestimmt dieses Thema“, erläutert Palmisano. „Es geht um die Suche nach Einfachheit.“ Und es gehe um ein bescheideneres und langsameres Herangehen an den Alltag und um das Schaffen eines Ortes, an dem sich der Kopf in der Freizeit erholen kann.

Das übertragen Produktdesigner, aber auch die Verbraucher selbst bei der Suche nach schönen Produkten für ihr Zuhause, indem sie auf naturnahe Materialien und Objekte setzen. Oberflächen dürfen laut Palmisano etwa so wirken, als wären sie ganz natürlich von der Sonne gebleicht oder über lange Zeit ausgewaschen worden. Die Produkte sollten wenigstens so wirken, als wären sie „für ein stilleres Leben entworfen worden“, erklärt die Trendanalystin. Auch regional hergestellte Produkte fallen in diese Kategorie. Die Farbpalette dieser Zielgruppe spiegelt die Naturverbundenheit wider: Es dominieren dezente Beige-, Braun-, Grau- und Grüntöne. Außerdem finden sich sanftes Rosa und Weiß. Beliebt sind Textilien wie Wolle, Leinen, Seide und Hanf sowie Holz, Stein, Ton, Keramik und Stroh.

„Tasteful residence“ - die stilvolle Residenz - überschreiben die Messe-Experten den zweiten Trendkomplex. Diese Zielgruppe schätzt Handwerkskunst und wählt jedes Produkte bewusst aus. Aber: „Designs mit Objektcharakter bestimmten das Bild“, erläuterte Palmisano in Frankfurt. Hier sind sogar die Vasen auf dem Tisch immer auch Kunstobjekt.

Die Designer widmen sich derzeit insbesondere Stücken, deren Materialzusammensetzung und Oberflächen besondere optische Wirkungen erzielen, erklärt Palmisano. So fallen ihr aktuell viele Produkte auf, deren Farben durch eine hohe Pigmentierung in der Lage sind, intensiver mit Lichteinstrahlung zu spielen. Je nach Blickwinkel verändert das Produkt seine Wirkung. Kunst, die sich immer wieder anders entdecken lässt.

Insgesamt kommen für diese Zielgruppe eher hochwertige Materialien zum Einsatz: In der intensiven Auseinandersetzung mit edlen Hölzern, Leder, Samt, Bouclé, Velours und Porzellan entstünden die besten Designideen, erklärt die Messe in ihrem Trendbericht 2019. Die Farbwelt ist edel, aber behaglich: Ein Senfgelb trifft auf ein dunkles Orange und helles Rosa, ergänzt dunkle Grundtöne wie Braun, Grün und Grau.

„Joyfilled Ambience“ - die fröhliche Umgebung - ist dann als dritte Strömung knallig bunt, etwas chaotisch und häufig in Veränderung. Es ist das typische Lebensumfeld einer jungen Familie. Hier sind vielleicht zwei Haushalte zusammengezogen, die Möbel beider Seiten wurden zusammengeworfen. Und als die Kinder kamen, wurde die Einrichtung ergänzt um fröhliche Dekorationen, bunte Bildchen und lustige Motive. Diese Einrichtung sei eine persönliche Collage, die sich wie die Vorlieben immer wieder verändert, sagt Palmisano.

Mehr Pippi Langstrumpf wagen

Zwar sprechen die Trendanalysten vom „Charme des Zufalls“, der die Wohnwelt ergibt, zugleich aber auch davon, dass es ein Styling zur Selbstdarstellung gebe. Wie geht das zusammen? Einerseits habe in diesem Zuhause „Einförmigkeit keine Chance. Es wird unorthodox gemixt und Vielfalt gefeiert - spielerisch, frei von Konventionen und voller Lebensfreunde“, heißt es im Trendbericht der Messe. Andererseits ist die Anordnung der Produkte gar nicht so zufällig. Jedes Produkt wird kreativ in Szene gesetzt, und fantasievolle Ideen und Designs sind ganz bewusst ausgewählt - um etwas zu kreieren, was Palmisano „happy place“ nennt. „Happy places sind etwas, was wir wirklich brauchen“, sagt Palmisano.

Wie siehst das aus? In der Beispiel-Schau der Messe erinnert das Fröhliche, Unkonventionelle an die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumpf. Der Läufer ist hellblau, der Tisch pink, die Leuchte sonnengelb. Und dazwischen finden sich fröhliche - ja, man könnte auch sagen, kitschige - Motive. Etwa ein Schneidebrett in Walform oder eine Tasse, auf deren Deckel ein Eisbär sitzt, der den Teebeutel an der Angelschnur hält.