LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

„Aminas letztes Geheimnis“ von André Kemmer

Zwischen der Fertigstellung und dem Erscheinen des Erstlingswerks von André Kemmer liegen laut des im Vorwort angegebenen Datums gut anderthalb Jahre. Wieso der etwas mehr als hundert Seiten umfassende Text so lange brach lag und die Leserschaft erst jetzt hinter das Geheimnis der Hauptprotagonistin Amina kommen darf, darüber kann jeder Leser seinen eigenen Spekulationen anstellen.

„Aminas letztes Geheimnis“ führt den Leser in den Nahen Osten, nach Israel, wo Mütter morgens ihre Töchter aus dem Hause entlassen in der Hoffnung, dass sie nicht in einem Bus oder einem Coffee-Shop Opfer eines Selbstmordattentäters werden. Neben der zeitpolitischen Note verpasst der Autor seiner Story auch eine religiös-mythische, indem er auf Figuren zurückgreift, die sich innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Drusen bewegen. Darüber hinaus schlägt der Autor einen geografischen Bogen in unsere Breitengrade, indem er im letzten Drittel der Geschichte einen in Trier praktizierenden Arzt in das Geschehen eingreifen lässt.

Keine psychologische Tiefe

In einem kurzen Einleitungstext resümiert der Autor kurz die geschichtlichen Eckdaten dieser Gemeinschaft, so dass der weniger historisch bewanderte Leser nicht gänzlich ohne Vorwissen zu den Drusen geschickt wird.

Kemmer konstruiert um seine Hauptprotagonistin herum ein, in Anbetracht der Kürze des Textes, dichtes Figurengeflecht in dessen Zentrum alle Fäden bei der jungen Hauptfigur zusammen laufen. Diese wird von Alpträumen geplagt und ihre Angehörigen, wie auch hohe Geistliche der Drusengemeinschaft vermuten, dass sie selbst wiedergeboren wurde, bzw. die Gabe besitzt, mit verstorbenen Gemeinschaftsmitgliedern Kontakt auf zu nehmen und zu kommunizieren. Die Seelenwanderung ist nämlich fest im Glauben der Drusen verankert.

„Aminas letztes Geheimnis“ bietet sich schon alleine wegen der Kürze an, in einem Zug gelesen zu werden. Nach der Lektüre kommt man aber zur Schlussfolgerung, dass der Autor es verpasst hat, seinen Figuren eine psychologische Tiefe zu verleihen, bzw. ihnen schärfere Konturen zu verpassen. Die Hauptprotagonistin Amina beispielsweise ist im Text allgegenwärtig; schlussendlich scheint es aber, dass sie und die anderen Figuren aber nur als Mittel zum Zweck dienen, um den Leser die Riten und Gebräuche einer religiösen Gemeinschaft näher zu bringen.


Kemmer, André: „Aminas letztes Geheimnis“. Editions Guy Binsfeld. Luxemburg 2014