CLAUDE KARGER

Morgen ist nationaler Kommemorationstag. Seit 1946 wird stets um den 10. Oktober herum an die Personenstandsaufnahme von 1941 erinnert, als die Nazi-Besetzer die Bevölkerung mittels einer Umfrage mit suggestiven Fragen zu einem Bekenntnis zum „Deutschtum“ verleiten wollten. Da stand im Kleingedruckten etwa, dass Luxemburgisch eine „Stammeszugehörigkeit“ sei, und die Sprache eine „Mundart“, ergo nicht auf dem Fragebogen angegeben werden konnten. Die meisten taten es doch und der Gauleiter blies die Aktion nach eindeutigen Stichproben ab. Der Tag ist allen gewidmet, die sich gegen das unmenschliche Regime wehrten. Viele bezahlten das mit ihrem Leben.

Es ist ein Tag der Verneigung vor den Opfern einer barbarischen Diktatur. Es ist aber auch ein Tag, an dem wir uns folgende Frage stellen sollten: Ist 80 Jahre danach in unserer ach so modernen, hochtechnisierten und globalisierten Welt, in der wir Menschenrechte und demokratische Prinzipien zumindest in unseren Breitengraden für gesichert halten, ein solches Regime völlig ausgeschlossen?

Werden wir einen „neuen Hitler“ überhaupt erkennen? Eine Frage, die sich auch Daniel Schneidermann stellt. Der französische Journalist hat für sein neues Buch „Berlin 1933“ untersucht, wie die rund 200 westlichen Korrespondenten in Berlin die Vorgänge im Reich zwischen 1933 und 1941 beschrieben. Erschaudern lässt, dass auch nachdem das Regime nach und nach seine Maske fallen ließ, noch idyllische Zustände in Deutschland beschrieben wurden und kaum Opfer der Nazi-Willkür zu Wort kamen. Wer es dennoch wagte, wurde umgehend des Landes verwiesen. Oder verschwand.

Das gibt es auch heute noch. Auch in Europa landen Journalisten in Gefängnissen oder werden sogar ermordet, weil sie ihren Job machen. Gerade in Deutschland hört man den Nazi-Begriff „Lügenpresse“ schon fast täglich. Während der Machthaber im Weißen Haus bei jeder Gelegenheit auf die „Fake News-Medien“ schimpft - und selbst massenweise Unwahrheiten vom Stapel lässt -, überbieten sich in Italien Populisten von links und rechts in Presseschelte. Und auch in unseren Gefilden gibt es Zeitgenossen, die sich in den sozialen Medien die Realität zurechtbiegen und beleidigen, was das Zeug hält, aber nicht ertragen, wenn andere kontern. Und Journalisten dürfen schon gar keine Meinung haben, sie müssen, ganz im Gegensatz zu ihren Kritikern selbst in Kommentaren „objektiv“ sein...

Nur ein Beispiel einer klassischen populistischen Strategie: die Kategorisierung in jene, die etwas dürfen, und in die, die das nicht dürfen, weil sie durch Herkunft, Hautfarbe, Religion, Sexualität, Sprache oder andere aus irgendeinem Bauchgefühl heraus willkürlich festgelegte Kriterien nicht in das genehme Schema passen. 70 Jahre nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte werden sie zahlreicher, diese Spalter, die gerne von rechtsstaatlichen Prinzipien faseln, von Demokratie und Freiheit, aber nichts lieber machen würden, als sie auszuhöhlen und sie Missliebigen zu verweigern, die sie gegen andere als vermeintliche Bedrohung ausspielen. Mittlerweile sitzen solche Leute bereits in Regierungen. Auch in Europa. Aus den Geschichtsbüchern wissen wir, welches Risiko das bedeutet.