CORDELIA CHATON

Wer ist der nächste Charlie?

Krasser hätte der Gegensatz kaum sein können: Während gestern Morgen Premierminister Xavier Bettel beim Jahresempfang der Presse seiner Trauer über neun getötete Journalisten in Europa Ausdruck gab, verloren zur gleichen Zeit ganze zwölf Redaktionsmitglieder der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ ihr Leben - weil die Zeitung vor acht Jahren eine Mohammed-Karikatur veröffentlicht hatte. Vier weitere Journalisten sind schwer verletzt. Die Täter ermordeten unter Racherufen für den Propheten die überraschten Redaktionsmitglieder mit Kalaschnikows. Unter den Toten sind vier Zeichner - darunter auch der Urheber der Mohammed-Karikaturen - und zwei Polizisten, die sich zum Schutz der Redakteure in der Redaktion befanden.

Die Reaktionen blieben nicht aus. Von Russland über Spanien bis nach Washington wurde die „Barbarie“ aufs „schärfste verurteilt“ und die französische FN-Politikerin Marine Le Pen prangerte die „islamischen Fundamentalisten“ an. „Feige“, „verabscheuungswürdig“, „entsetzlich“ - selbst den eloquenten Politikern schienen die Worte zu fehlen. Denn manchmal, wenn etwas wirklich Unglaubliches geschieht, reichen Worte nicht.

„Was darf Satire? Alles“, hatte einst der Journalist Kurt Tucholsky gesagt. „Die echte Satire ist blutreinigend: Und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen starken Teint.“ Glaubt man ihm, wird die französische Presselandschaft blasser. Satirezeitungen wie „Charlie Hebdo“ haben in der Regel keine breite Leserschaft - aber sie beeinflussen Entscheider. Sie prangern das an, was andere sich nicht trauen. Sie reinigen den Geist.

Jetzt geht in den Redaktionen die Angst um. Die Mohammed-Karikaturen wären in Europa wahrscheinlich niemandem besonders aufgefallen, wenn nicht ein paar Islamisten so viel Aufhebens darum gemacht hätten. Über ihren Helden solle man nicht lachen. Humor scheint etwas sehr Gefährliches zu sein. Schon im Bestseller „Der Name der Rose“ geht es darum, Humor zu unterbinden - diesmal allerdings von Seiten eines katholischen Klosterbruders. Humor ist deswegen so lustig, weil er immer auch eine Prise Kritik enthält. Nette Witzchen sind schal, böse nicht.

Und was könnte eine diktatorische Auffassung von Religion und Macht mehr stören als eine Prise Kritik? Wer soll den Diktator noch fürchten, wenn er sich angesichts von dessen Schwächen gröhlend auf die Schenkel schlägt? Absolute Systeme verbieten Humor und legen selbst willkürlich Grenzen dazu fest, was lustig ist. Kein Wunder, dass Fundamentalisten weder Bücher noch Musik zulassen. Und Witze schon gar nicht.

Dass die Tat begleitet von Racherufen für den Propheten begangen wurde, ist für Muslime schlimm genug. Die Morde sind Wasser auf den Mühlen von Pegida, der Front National und ähnlichen Bewegungen. Sie schüren Hass. Rufe nach Reaktionen werden laut.

Sollten jetzt alle Zeitungen die Mohammed-Karikatur nachdrucken? Spalten voller Islamisten-Witze erzählen? Oder sich selbst auf einen Kurs beschränken, der das Leben der Journalisten nicht gefährdet? Manch‘ einer wird sich das wünschen. Aber es wäre die falsche Antwort. Denn auch wenn jede Redaktion die nächste sein kann: Nachgeben ist die ganz falsche Antwort.

Trotz des Attentats am vergangenen Mittwoch hat die Redaktion von Charlie Hebdo beschlossen, an diesem Mittwoch eine Ausgabe heraus zu bringen, inklusive neuen Mohammed-Karikaturen. Finden Sie das gut?

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