MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Frankreich ruft Ausnahmezustand für die Flugzeugindustrie aus

Frankreich mag die Dramen. Die Viruskrise hatte Staatspräsident Emmanuel Macron mit den Worten „Wir befinden uns im Krieg“ eingeläutet. Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire verkündete am Dienstag in seinem Ministerium den „Ausnahmezustand zur Rettung der Luftfahrt-Industrie“, sprach von „Nationalstolz“ und „Rettung unserer Luftfahrt-Industrie“. Gerettet werden soll sie mit Zuschüssen und Investitionen in Höhe von 15 Milliarden Euro. Dazu gehören allerdings sieben Milliarden, die Air France bereits zugesichert worden waren. Die Vorgaben an die Industrie als Gegenleistungen für den Rettungsplan heißen Bewahrung von Arbeitsplätzen und die Entwicklung eines umweltneutralen Flugzeugs bis 2035.

In Frankreich nimmt die Luftfahrt-Industrie den Stellenwert ein, den in Deutschland die Auto-Industrie hat. Unternehmen wie Airbus, Thales, Dassault oder Safran stehen mit ihren Zulieferern für Export-Überschüsse in Höhe von 35 Milliarden Euro, erzählte Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Gut 300.000 Menschen sind in dieser Industrie beschäftigt. Im Gegensatz zur Industrie allgemein sind die Beschäftigten in der Luftfahrt-Industrie hochqualifiziert. Der französischen Regierung geht es mit dem Plan darum, etwa 100.000 dieser hochqualifizierten Mitarbeiter darunter 35.000 Ingenieure, vor einem Verlust ihrer Arbeitsplätze zu bewahren, die derzeit bedroht sind. Selbst der Airbus-Vorstandsvorsitzende Guillaume Faury, der vor einem Monat noch Staatshilfe abgelehnt hatte, warnte nun in einem Brief an die Mitarbeiter vor einer „ernsten Situation für das Unternehmen“. Airbus hat im Monat Mai nicht eine Bestellung erhalten. Bedroht sind vor allem 400 Zulieferer aus dem mittelständischen Bereich. Sie werden in den Plan einbezogen.

Forschen für ein umweltfreundliches Flugzeug

Konkret umfasst der Plan neben den Hilfen für Air France ein zwölfmonatiges Moratorium für die Rückzahlung von Exportkrediten oder auch ein Forschungsprogramm für ein umweltfreundliches Flugzeug. Le Maire stellte Frankreich hier in den Kreis der Länder, die sich der Wasserstoff-Wirtschaft widmen. Frankreich kann sich bei diesem Thema auf die Erfahrung von Unternehmen wie Air Liquide oder auch Total stützen, die in Deutschland bereits Erfahrung mit der Wasserstoff-Anwendung sammeln.

Unterstützt wird mit dem Programm auch die Entwicklung neuer Turbinen für Flugzeuge, die mit alternativen Kraftstoffen wie synthetischem Kerosin betrieben werden können und sparsamer sind. Die Unternehmen Airbus, Thales, Dassault und Safran haben sich unter Leitung des Wirtschaftsministeriums in dreiwöchigen Verhandlungen auf eine Kooperation geeinigt. Ein von ihnen gespeister Fonds soll eine Milliarde Euro umfassen. Ein weiterer Fonds in Höhe von 300 Millionen Euro soll mittelständischen Unternehmen des Sektors bei der Modernisierung in den Bereichen Digitalisierung und Robotisierung finanziell unterstützen. In das Programm ist ebenfalls die französische Armee eingebunden, die fliegendes Material im Wert von 800 Millionen Euro bestellen wird.

Das Megaprogramm für die Luftfahrt ist bereits das dritte Rettungspaket, das für einzelne Sektoren der französischen Wirtschaft geschnürt worden ist. Zuvor war die Automobilindustrie mit acht Milliarden bedacht worden, danach der Tourismus mit 18 Milliarden Euro. Die Rettungspakete sind vom heutigen Mittwoch an Gegenstand der Diskussion eines Nachtraghaushaltes in der Pariser Nationalversammlung.