LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Man hätte doch denken können, dass zu diesem Jubiläum die Glocken läuten, die Bassgeigen brummen, die Pauke geschlagen wird und die Orgeln jubilieren. Stattdessen Stille: Keine Umzüge mit Monstranzen und Männern im Brokatkittel. Gut, letzteres könnte dem kleinen Fiesling Corona zu verdanken sein.

Dennoch hätte man erwarten können, dass Mutter Kirche, die katholische natürlich, den Geburtstag jenes Dogmas feiert, dass sie über alle anderen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und diejenigen der sieben Milliarden Menschen, die nicht dem römischen Verein angehören, hinaushebt. Das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, verkündet nach dem ersten vatikanischen Konzil, feiert seinen 150. Geburtstag. Schon damals ging es um den Streit zwischen einem angemessenen Weg in die Neuzeit und dem Beharren auf einem abgehobenen weltentfernten Mystizismus.

Erinnert irgendwie an Benedikt XVI versus Franziskus I – wobei man dem ehemaligen Kardinal Ratzinger Unrecht tut, wenn man ihn mit dem ziemlich schrägen Pius IX vergleicht, der auch noch das lustige Dogma von der unbefleckten Empfängnis verkündet hat.

Andererseits ist das Image des aktuellen Papstes deutlich besser als die Realität. Schließlich hat der Stellvertreter Christi das Verbot der Glaubenskongregation gegen paritätisch geführte Großpfarreien im Bistum Trier und die verstärkte Einbeziehung von Laien in die tägliche Kirchenarbeit offiziell abgenickt. Unfehlbare interessiert die Realität nun mal nicht.

Das ewige Gegenargument der Romtreuen, die Unfehlbarkeit beziehe sich nur auf Glaubensfrage im engsten Sinne und es sei nur einmal, bei der Verkündung des Dogmas über die leibhaftige Himmelfahrt Mariens – ganz ernsthaft - angewendet worden, ist theologische Haarspalterei.

Die päpstlichen Unfehlbarkeit war ein Zeichen gegen die schreckliche Welt da draußen. Der neunte Pius war nämlich der Papst, der den Kirchenstaat, ein Landstreifen durch Mittelitalien, endgültig an das vereinte Italien verloren hatte. Was ihm am Ende blieb waren der Petersdom und der Vatikanische Palast. (Der moderne Vatikanstaat entstand 1929 durch einen Vertrag mit Mussolini).

Wenn schon die weltliche Macht verloren ging musste man es so tricksen, dass der Bischof von Rom wenigstens für seine Glaubensschäfchen der Alleinherrscher war. Deutsche, österreichische und französische Bischöfe und Theologen wehrten sich heftig gegen den Anspruch auf Unfehlbarkeit, wurden aber durch Verfahrenstricks ausmanövriert. Die konsequenten unten ihnen gründeten die winzige liberale Altkatholische Kirche.

Der fromme Pius hatte das, was er wollte – eine Kirche von gestern, die über allen anderen steht. Was eine echte Ökumene zwischen den christlichen Kirchen auch im 21. Jahrhundert unmöglich macht. Dank des Dogmas ist einer immer gleicher als die anderen. Echte Weisheit ist selten aus Rom gekommen, zu den Ausnahmen gehört Johannes XXIII: „Ich bin zwar jetzt unfehlbar, gedenke aber keinen Gebrauch davon zu machen!“

Jeder Mensch hat das Recht auf imaginäre Freunde oder Freundinnen und ich bezweifle nicht, dass der Glaube daran dem Einzelnen gut tun kann. Was ich nicht begreifen kann, dass daraus immer wieder ein „Und magst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“ wird. Vermutlich weil sich jeder für unfehlbar hält.