ANNETTE WELSCH

Als Vertreter der schreibenden Zunft hat man es leicht. Nicht nur, dass man in der Regel Zeit hat, seine Worte sorgfältig zu wählen und zu überlesen, bevor man sie in den öffentlichen Raum schickt, auch die Körpersprache spielt keine Rolle. Dagegen findet ein Großteil der (sprachlichen) Kommunikation zwischen Menschen ohne Worte statt. Das deutsche Allensbach-Institut fand heraus: Gestik und Mimik machen 55 Prozent der Kommunikation aus, 26 Prozent entfallen auf die Stimme und 19 Prozent auf den fachlichen Inhalt. Mehr Schein als Sein demnach. Das ist auch das Mantra, das bei Rhetorikkursen vermittelt wird: Das Auftreten und die Stimme sind entscheidend, um das Publikum zu überzeugen - auf den Inhalt kommt es weniger an. Das trifft in besonderem Maß auf den Politikbetrieb zu und auch auf die Anti-Stimmung gegen die Regierungskoalition.

Zugegeben - das Zukunfts-Sparpaket hat für Unmut gesorgt. Es machte die Sache auch nicht leichter, dass Vize-Premier Etienne Schneider es wiederholt als Fehler bezeichnete und dabei so gerne auf diese Aussage verkürzt wird. Obwohl er eigentlich präzisierte, dass es ein Fehler war, jeden ein bisschen treffen zu wollen und so jeden schlussendlich gegen die Regierung aufbrachte. Da wären kräftigere Steuererhöhungen taktisch klüger gewesen. So ist das in einer Koalition - sie lebt von Kompromissen. Die Liberalen wollten sparen, die Sozialisten Steuern erhöhen und so machte man eben beides ein bisschen. Auch wenn der ehrliche Durchschnittsbürger eigentlich zugeben müsste, dass die Empörung wenig bis gar nicht im Verhältnis zu den tatsächlichen Einbußen im eigenen Portemonnaie steht. Mehr Schein als Sein also.

Auf inhaltliche Argumente gegen die Regierungspolitik stößt man weniger, wenn man Regierungskritiker aus der Zivilgesellschaft fragt, an was sie sich denn reiben, was denn so falsch an der Politik sei. Da wird dann gerne angeführt, dass - um es vorsichtig zu formulieren - verschiedene Minister nicht seriös genug aufträten und die Regierung doch nur Homo-Ehe und Trennung von Kirche und Staat im Sinn habe. Ja, die Homo-Ehe - eines der ersten Gesetze, das die Regierung durchbrachte, weil dafür schlicht der parlamentarische Prozess unter der CSV-LSAP-Regierung schon abgeschlossen war und es ohne die vorgezogenen Neuwahlen im Herbst 2013 ohnehin verabschiedet worden wäre. Aber es passt halt so schön zum Schein, nicht wahr?

Da war die CSV schon cleverer, die kokelige Reformen, wie die der Polizei oder die der Rettungsdienste schleppen ließ, von einer Neuregelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, geschweige denn von den Kirchenfabriken schön die Finger ließ. Das bringt das Land nicht weiter, die Partei dagegen schon. Auch in der Opposition bleibt sie der Taktik treu: Nur schön seriös auftreten, wen interessieren schon Inhalte?

Zwei Jahre hat die Regierung noch Zeit, die zahlreichen Reformen, die sie so eifrig anpackte und noch anpacken möchte zu kommunizieren. Wohlweislich, dass sie eigentlich nur zu 19 Prozent interessieren und 81 Prozent dagegen eher dem Schein gewidmet sein sollten .