COLETTE MART

Im Mai 1974, also genau vor 40 Jahren, befand sich Luxemburg vor jenen Wahlen, aus der eine mittlerweile schon legendäre sozial-liberale Regierung hervorging, während die CSV freiwillig in die Opposition überwechselte. Hier und jetzt lohnt sich ein genaueres Hinsehen auf die gesellschaftspolitische, wirtschaftliche und emotionale Hinterlassenschaft dieser Mittelinkskoalition. Wer in den sechziger und siebziger Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich noch genau daran, dass das Jahr 1974 jenes der Öl- und Stahlkrise sowie der Arbeiterproteste war, fürchteten doch damals Tausende um ihren Job. Es war jedoch auch ein Jahr der Aufbruchstimmung, die bereits Anfang der siebziger Jahre durch gesellschaftliche Veränderungen eingeläutet worden war. Im Jahre 1968 wurde nämlich die Koedukation eingeführt, die Jungen und Mädchen in unseren Schulen näher zusammenbrachte. Zwischen 1969 und 1971 kam es zu Studentenrevolten, die sich u.a. gegen die konservative Pädagogik und das politische Establishment richteten.

1972 und 1974 wurde das Eherecht reformiert, und verheiratete Frauen waren nicht mehr unmündig. Frauenvereinigungen gingen für die Reform des Abtreibungsgesetzes auf die Straße, und setzten sich für Verhütung, Frauenbildung und -berufstätigkeit ein. 1974 wehte also ein freiheitlicher und emanzipatorischer Wind in Luxemburg, die Mentalitäten änderten sich, und so wurde der Weg geebnet für ein politisches Wagnis, das sich als Success-Story entpuppen sollte. Vergleicht man die Zusammenstellung der damaligen Regierung mit jenen des 21. Jahrhunderts, stellt man fest, dass 1974 mit Albert Berchem noch ein Landwirt, und mit Benni Berg noch ein Arbeiter zu Staatssekretär- respektive Ministerehren kam. Diese Art der Diversität ist heute in der Politik keineswegs mehr garantiert, so dass im Endeffekt die Sensibilitäten aller Gesellschaftsschichten auch nicht mehr immer verstanden werden. Mit Robert und Emile Krieps standen darüber hinaus zwei Resistenzler in oberster Verantwortung.

Die Regierung von 1974, die ebenfalls mit den politischen Forderungen der Zwangsrekrutierten konfrontiert gewesen ist, war also emotional noch stark mit den Schmerzen des Krieges verbunden und musste sich mit dessen Nachwehen in der Luxemburger Gesellschaft befassen. Unter der Federführung von Gaston Thorn kam es zur Scheidungsreform, zur Einführung des Sexualunterrichts, zur Indikationslösung beim Schwangerschaftsabbruch und zur rechtlichen Gleichstellung unehelicher Kinder. Auf wirtschaftlicher Ebene mussten damals, unter dem Impuls von Marcel Mart, Lösungen für die Stahlkrise, die Arbeitslosigkeit und eine neue Ausrichtung der Luxemburger Wirtschaft gefunden werden.

Viele werden sich bis heute an die DAC (Division Anticrise) erinnern, im Rahmen derer arbeitslos gewordene Stahlarbeiter für allgemeinnützige Arbeiten eingesetzt wurden. Der Sozialdialog, die Einführung der Tripartite, eine heftige Debatte um einen Atom
reaktor in Remerschen waren andere wichtige Herausforderungen einer Regierung, die soziale Kohäsion groß schrieb und Zivilcourage bewies. All jenen, die damals jung waren, blieb sie als ein wichtiger Moment der Luxemburger Geschichte in Erinnerung.