PATRICK WELTER

„Zeitenwende 1979“ heißt ein neu erschienenes Buch. 1979 habe die Welt eingeläutet, wie wir sie heute kennen. Es blitzt die Erkenntnis auf: Da hätte man auch selber drauf kommen können. Vor 40 Jahren war ziemlich was los. Andere Jahre hatten ein oder zwei Wegmarken: 1961 Kubakrise und Mauerbau, 1963 Erschießung Kennedys, 1967 Sechstagekrieg, 1968 Studentenrevolte und niedergewalzter Prager Frühling, 1972 Olympiaattentat, 1973 Jom-Kippur-Krieg, 1975 Ende des Vietnamkriegs, 1978 Wahl eines Polen zum Papst…

In Sachen 1979 fällt mir als erstes Peter Scholl-Latour ein, der mit Chomeini von Paris nach Teheran flog und bei der Landung einen braunen Umschlag unter der Jacke trug - die islamische Verfassung - falls die Geheimpolizei am Flughafen gewartet hätte. Euphorie der ersten Tage, danach Galgen und enttäuschte Hoffnungen. Schon bald saßen die Mitarbeiter der US-Botschaft in Geiselhaft.

Teheran war großes Kino. In Mekka lief etwas ab, das wir nicht ernst nahmen. In der großen Moschee, wo religiöse Zeloten das sowieso schon bigotte Könighaus Saud stürzen wollten, und wo über Wochen gekämpft wurde und je nach Lesart zwischen 300 und 1.000 Menschen starben, entstand das leidigste Problem der Gegenwart. Die Saudis mussten in Mekka (!) auf französische Kräfte zurückgreifen, um den Aufstand zu beenden. Der Sündenfall für alle Islamisten, ab jetzt floss Blut.

Die Sowjetunion kam 1979 mal wieder einem Freund zu Hilfe - und marschierte in Afghanistan ein. Ein böser Fehler. Die Altherrenriege in Moskau setzte darauf, dass sich kein Mensch für eine verlassene Bergregion am Ende der Welt interessiert. Falsch gedacht. Es folgten 1980 der Olympiaboykott etlicher Länder und bald die Aufrüstung der afghanischen Mudschaheddin durch die USA, um die Sowjets vor ihrer Hintertür zu schlagen. Klappte auch, nur dass „Follow up“ fiel mies aus. Die Afghanen machten mit den US-Waffen ihr eigenes Ding, jeder gegen jeden und bald gegen den Rest der Welt. 2019 „feiert“ Kabul 40 Jahre Krieg.

Hatte sich die Sowjetunion in Afghanistan 1979 selbst ein Bein gestellt, was sie aber erst merkte, als alles zu spät war, so sahen sie den Feind aus dem Westen klar vor sich. Keine Pershings oder Panzer, sondern ein athletischer Mann in einer weißen Soutane. Stalin hatte noch spöttisch gefragt, wie viel Divisionen der Papst denn hat - aber da ging es auch um Pius XII, den Zauderer. Karol Wojtyla brauchte keine Divisionen, er hatte schon als Bischof von Krakau den Herren in Warschau getrotzt. Seine Wahl 1978 zum Papst war der erste Schlag. Sein Polenbesuch 1979 wies den Weg nach 1989. Miliz und Militär richteten nichts gegen die betenden Massen aus, eher knieten sie nieder. Man kann vom Katholizismus halten, was man will, auch durchaus wenig. Man muss aber anerkennen, dass der polnische Papst aufgrund seines Charismas auch ohne Divisionen den Ostblock nachhaltig erschütterte.

Was war sonst noch los? In den USA zeigte sich, dass die Kernkraft doch nicht beherrschbar ist, in Nicaragua starteten die Sandinisten durch, in England begann Margret Thatcher ihre Aufräumarbeit eines ruinierten Staates und in Kalifornien entschied sich Ronald Reagan in das Rennen ums Weiße Haus einzusteigen.