PATRICK WELTER

Wir müssen nochmal über Auschwitz reden, auch wenn es den Rechten „zu viel“ ist, wie Umfragen zeigen. Aber vor allem über Bürokratie, sie macht Auschwitz zum düsteren Solitär in der an dunklen Flecken nicht armen Menschheitsgeschichte.

Die nächsten Sätze werden sich zynisch anhören, sind aber nötig. Stalin war der Überzeugung: „Ein Toter ist eine Tragödie, eine Million Tote sind nur Statistik.“ Trotz Auschwitz steht Adolf H. aus Braunau, der Führer und Reichskanzler, in etlichen Ranglisten der Mörder und Schlächter quantitativ „nur“ auf dem dritten Platz. Stalin und Mao waren ihre Völker und noch mehr ihre Feinde egal, außerdem waren sie länger an der Macht. Wer im Weg stand, musste zig millionenfach weg, ob zur Sicherung der Macht, ob zur Beseitigung von Konkurrenten, ob als Kollateralschaden im Krieg oder als Hungeropfer der Ideologie. Millionen Tote sind - leider - nichts Besonderes. Stichwort: Rote Khmer.

Was macht Auschwitz anders? Alles. Die Tötung der europäischen Juden war kein Mittel der Kriegsführung, sie war ein, wenn nicht das Kriegsziel. Eine bestimmte Art Mensch musste weg - mit allen Mitteln. Mit industriellen Mitteln. Um elf Millionen Juden zu töten, reichten Massenerschießungen nicht aus. Elf Millionen Opfer waren die Zielvorgabe, die im Protokoll der Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 festgehalten wurde. Die Holocaustleugner argumentieren immer, es habe keinen Befehl Hitlers zur „Endlösung der Judenfrage“ gegeben. Quatsch. Eine neue Arbeit zur Wannseekonferenz macht deutlich, dass das Wort „Konferenz“ in die Irre führt. Der neu-deutsche Anglizismus „Briefing“ beschreibt besser, was dort in wenigen Stunden 1942 geschah.

Reinhard Heydrich gab an eine Beamten- und Staatssekretärsrunde weiter, was die Reichsführung wollte: „Die Endlösung der Judenfrage“. Massenmord in ganz Europa wurde als Verwaltungs- und Technikproblem diskutiert und beschlossen. Heydrich hatte von seinen Einsatzgruppen bis dahin etwa 800.000 osteuropäische Juden erschießen lassen. Auch Hunger und Krankheiten in den Ghettos und Lagern oder Pogrome durch die aufgehetzte Bevölkerung reichten nicht aus, um an die Zielvorgabe heranzukommen.

Für das Urbild aller Schreibtischtäter, für Adolf Eichmann, wurde die Organisation der Endlösung zur ureigenen Aufgabe. Listen, Tabellen, Lochkarten und Zugfahrpläne als Tatwaffen. Man sah dem Mann noch auf der Anklagebank in Jerusalem an, dass er stolz war auf seine Arbeit. Am Ende der Reise stand dann der millionenfache Tod, kühl geplant und industriell umgesetzt. Bürokratie und industrielle Tötung machen die Shoah zum Menschheitsverbrechen. Im Übrigen ein Mordprogramm, das Ressourcen band, die an allen Fronten fehlten. War der Sieg nicht mehr wichtig? War es ab dem 20. Januar 1942 Kriegsziel, so viele Juden wie möglich zu töten?

Auschwitz wurde wegen seiner Größe zum Synonym für die Shoah. Die wahren Sinnbilder des Massenmords sind aber für uns die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka - reine Todesfabriken. Ein paar Bahnsteige, falsche Bahnhofsgebäude, Gaskammern, Massengräber, Scheiterhaufen.