COLETTE MART

In Europa wird derzeit an den 200. Geburtstag des Fahrrads erinnert, dies unter anderem in Mannheim, wo eine Ausstellung im Technomuseum an eine für die Mobilität und den gesellschaftlichen Fortschritt wichtige Erfindung rührt, wurde doch das erste Laufrad tatsächlich in Mannheim erfunden. Das Rad mit Pedale folgte interessanterweise erst 1867, was den typischen Widerstand gegen den Fortschritt illustriert, denn die Pedale selbst waren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. Rückblickend wird das Fahrrad heute als ein Meilenstein der Mobilität, und demnach auch der Industrialisierung und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Europas betrachtet. Dem Fahrrad wird ausserdem nachgesagt, dass es die Emanzipation der Frau förderte, da es Frauen in früheren Zeiten erlaubte, sich ohne allzu viele Kosten weiterzubewegen, Kontakte zu knüpfen, Schulen zu besuchen oder arbeiten zu gehen, und den eigenen Horizont zu erweitern.

Hier und jetzt, wo das Fahrrad wiederentdeckt wurde, wo in allen Städten Europas Räume für das Fahrrad geschaffen werden, weil wir uns mit der autofreundlichen Politik allgemein verrannt haben, erweist sich der geschichtliche Rückblick auf das Fahrrad als ein durchaus interessantes Unterfangen.

Während zum Beispiel noch in den 1950er und 1960er Jahren Arbeiter, Beamte und Ingenieure mit dem Fahrrad zur „Schmelz“ fuhren, (Forum/Juni 2017) und die Escher mit dem Fahrrad die Grenze überquerten, um französischen Käse in Audun-Le-Tiche einzukaufen, während das Fahrrad also Menschen miteinander verband und auch eine wesentliche Rolle im Widerstand während des Zweiten Weltkriegs spielte, verlor es völlig an Bedeutung, als in den 1970ern das Auto zum Statussymbol wurde, viele Haushalte zwei Autos anschafften, und es lange als Zeichen der Emanzipation für Frauen galt, ein eigenes Auto zu haben. Was aber über Jahrzehnte als sozialer Fortschritt schlechthin erschien, und auch den Wohlstand vieler Familien in unserem Land dokumentierte, erweist sich jetzt als Engpass, insbesondere in unseren Städten, wo wir eigentlich immer schlechter mit unseren Autos zur Arbeit oder auch sonst wo hinkommen.

Darüber hinaus haben wir uns zahlreiche gesundheitlichen Probleme zugezogen, weil wir uns nicht mehr genügend bewegen, und diese Bewegung also im Sport, im Joggen im Wald, oder auch im sportlichen Fahrradfahren suchen. Der Gedanke, dass wir sowohl unsere Mobilitätsprobleme in den Städten, als auch unseren Bewegungsmangel und die damit einhergehenden Schäden für alle Generationen durch eine Änderung unserer alltäglichen Gewohnheiten in der Mobilität in den Griff bekommen könnten, ist mittlerweile im öffentlichen Diskurs verankert.

Städtepolitische Investitionen in Fahrradwege, oder zum Beispiel in den Lift zum Pfaffenthal in der Hauptstadt sind einige Beispiele, die ein Umdenken illustrieren. 200 Jahre Fahrradgeschichte sollten uns erlauben, zurückzublicken, aus der Geschichte zu lernen, und unsere Prioritäten für unser soziales Verhalten, unsere Gesundheit, unsere Emanzipation und die Gestaltung unserer Freiräume neu zu überdenken.