CHRISTIAN BLOCK

Wer sich insgeheim gefreut hat, dass die Jugend jetzt in den Sommerferien endlich mit ihren Klimastreiks wieder Ruhe gibt, weil es ihr ja ohnehin zu gut gehe, hat es nicht nur immer noch nicht begriffen, sondern hat sich womöglich auch zu früh gefreut. Zwar wird sich zeigen müssen, ob es am 27. September tatsächlich zu einem Generalklimastreik kommen wird, zu dem „Youth for Climate“ jüngst aufgerufen hat. Fakt ist aber, dass die Engagierten gute Gründe haben, so lange zu streiken, bis kein Zweifel mehr daran besteht, dass angesichts des Klimanotstands wirklich gehandelt werden muss. Ein Aufruf, der im Jahr 2019 an besonderer Aktualität gewinnt. Denn in den vergangenen Monaten hat die Menschheit schon so manchen Rekord gebrochen. Die vergangenen beiden Monate gelten als die wärmsten je weltweit aufgezeichneten Monate Juni und Juli. Und Mitte Juli wurden 21°C in Alert gemessen, weniger als 900 Kilometer vom Nordpol entfernt, was für die dortige Station einen „absoluten Rekord“ bedeutete, wie die Nachrichtenagentur AFP dieser Tage berichtete. Forscher des Netzwerks „World Weather Attribution“ gehen davon aus, dass die Temperaturen in Europa im Juli ohne den Einfluss des Menschen zwischen 1,5 und drei Grad niedriger ausgefallen wären.

Doch vorerst geht es mit der Klimaerwärmung weiter. Den Beweis dafür, dass die Menschheit auch positive „Klimageschichte“ schreiben kann, also die Erderwärmung um mindestens 1,5 Grad begrenzen kann, muss sie erst noch liefern. Höchste Eisenbahn deshalb, sich mit den Auswirkungen des Klimawandels zu befassen, die alles betreffen: Wasserknappheit, Vegetationszeiten, Gesundheit von Mensch und Tier in Hitzeperioden, Brandrisiken, Landwirtschaft und nicht zuletzt auch unsere Gewohnheiten. Wenn etwa der Agrarsektor, der laut Angaben einer Nichtregierungsorganisation für 25 bis 30 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, verantwortlich sein soll, in Zukunft stärker auf Pflanzen ausgerichtet werden muss - weil sie gegenüber der Fleischproduktion nun einmal viel weniger Emissionen produzieren. Oder wenn, wie angesichts explodierender Flugpassagierzahlen und Flugemissionen anzunehmen ist, Fliegen in Zukunft teurer wird.

Immerhin: Ein Drittel der in Luxemburg Befragten nennt in der jüngsten Eurobarometer-Umfrage den Klimawandel als ein wichtigstes Problem, vor dem die EU steht. Auch nationalpolitisch werden Umwelt-, Energie- und Klimafragen hohe Priorität eingeräumt. Die Frage ist nur: Wie groß ist die Bereitschaft der Menschen, ihre Gewohnheiten auch um- oder gar ganz infrage zu stellen?

Ein um bis zu 55 Prozent reduzierter CO²-Ausstoß bis 2030, bis zu 25 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen: An Ambitionen fehlt es dem Entwurf des nationalen Energie- und Klimaplans bekanntlich nicht.

Entscheidend wird aber sein, worauf vor allem Nichtregierungsorganisationen nun warten: Wie diese Ambitionen mit Leben gefüllt werden. Und wie sozial verträglich das Ganze ist. Mit Prämien für Fahrräder und E-Autos wird es jedenfalls nicht getan sein.