PATRICK WELTER

Die ganze Sache ist heute 80 Jahre her. Der Gleichschritt der Massen, das Flackern der Fackeln in körnigen schwarz-weiß Bildern und das nationale Gegröle auf knisternder Tonspur wirkt weniger wie die Abbildung von Realität, sondern eher wie ein Alptraum. Der huldvoll aus dem Fenster winkende Reichskanzler im schwarzen Anzug war leider allzu real. Zwölf Jahre, drei Monate und neun Tage später war das am 30. Januar 1933 gegründete „tausendjährige Reich“ Geschichte und über 50 Millionen Menschen tot. Darunter sechs Millionen Juden die industriell „vernichtet“ wurden. Genauso wie es der Neukanzler von 1933 in einem kruden Buch angekündigt hatte.

Die zwei traurigsten Tage der deutschen und letztendlich der europäischen Geschichte, liegen im ewigen Gedenktagkalender dicht beieinander. Der Tag der „Machtergreifung“, der 30. Januar, und der Tag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 19 45.

1933 hatten einige Rechtskonservative darauf gesetzt, den Parvenü Hitler, der ihnen seit Jahren Stimmen wegnahm, in einer Regierung „einmauern“ (so eine Formulierung Hugenbergs) zu können und ihn damit zu entzaubern. Das ging gründlich schief. Es brauchte nur noch den richtigen Anlass, den dann ein verwirrter holländischer Anarchist bot, um die erste Terrorwelle seiner gut organisierten Proleten anlaufen zu lassen. Mit dem bald folgenden „Ermächtigungsgesetz“ war es vorbei mit dem Einmauern. Dieses Gesetz wurde zur dunkelsten Stunde des deutschen Parlamentarismus, mit Ausnahme der Sozialdemokraten stimmten alle Fraktionen des Reichstags dafür. Die Kommunisten waren geflohen oder saßen schon in Haft. Theodor Heuss, damals liberaler Reichstagsabgeordneter, nach dem Krieg erster Präsident der Bundesrepublik hat sein Abstimmungsverhalten von 1933 sein ganzes weiteres Leben bedauert.

Adolf H. aus Braunau war an der Macht, noch als einfacher Reichskanzler. Erst nach dem Tod Hindenburgs 1934 wurde er zum „Führer“.

Wenn von Seiten einer KPL-nahen Zeitung, eine Mitschuld der SPD an der Machtergreifung der Nazis suggeriert wird, weil sie nicht mit den Kommunisten paktieren wollten, muss man klar feststellen, dass jeder Sozi gut beraten war, dies nicht zu tun. Zu gerne sorgten die Stalin-Apologeten für die Liquidation der „Sozialfaschisten“.

Aus der ex-post Sicht wird allzu oft vergessen, dass die Nazis, die Klaviatur der (damals) modernen Medien und Verkehrsmittel perfekt beherrschten. Hitler führte als erster Wahlkampf per Flugzeug. Der Reichsminister für Propaganda, Joseph Goebbels, kannte weder Skrupel noch Moral und unterwarf sich im Handumdrehen Rundfunk, Film und Zeitungen.

Vom 30. Januar 1933 bis zum 31. Januar 1943 ging es stetig bergauf - für die Bequemen, die braven Volksgenossen, die angepassten Mitläufer und für die überzeugten Nationalsozialisten. Für andere ging es in die Emigration, manchmal auch nur in die innere, für wenige in den Widerstand. Für die, die nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten begann der Weg in Lager, Ghettos und Tod. Kaum einer erlebte den 27. Januar 1945. Die Kriegswende am 31.Januar 1943 kam zu spät.