LUXEMBURG
MARCO MENG

Die Europäische Investitionsbank lud zum „Blockchain“-Wettbewerb

Schlafsäcke in der EIB? Ein ungewohntes Bild. Es ist aber auch ein einzigartiges Projekt, das die Europäische Investitionsbank (EIB) mit „EIB Blockchain“ am Mittwochabend startete. Die Aufgabe: Programmierer sollen ein Finanzinstrument entwickeln, das der gesamten Finanzindustrie zugutekommen würde und das die Blockchain-Technologie nutzt. „Beim Wettbewerb geht es um die Modernisierung des Finanzwesens“, erläutert Frank Roessig von Telindus. „Leute aus Mexiko, den USA und ganz Europa werden neue Dinge erfinden, die uns beeindrucken werden.“

Konkret lautet die Aufgabe: „Commercial Papers“, also alte Abläufe mit Papieren, seien sie auch elektronisch gespeichert, mit der Nutzung von Blockchain zu verbessern, vielleicht zu ersetzen. Das Gewinnerteam erhält nicht nur einen Geldpreis von 5.000 Euro, sondern auch einen Halbjahresvertrag von der EIB, um das Projekt weiterzuentwickeln und marktreif zu finalisieren.

Das Konzept der „Blockchain“ arbeitet mit dezentral gespeicherten Datenblöcken. Der Vorteil: Durch die dezentrale Speicherung sind die Datensätze transparent und nahezu nicht zu manipulieren. Wie einer der teilnehmenden Programmierer sagte: Wegen der Nichtmanipulierbarkeit der Datensätze könne ein Empfänger stets sicher sein, auch genau das zu empfangen, was am Anfang gesendet worden war. Durch die Anwendung von „Blockchain“ können Prozesse automatisiert und Transaktionen schneller und effizienter verarbeitet werden, seien es Bestellungen oder Zahlungen. Die Anwendung der „Blockchain“ auf den Verarbeitungsfluss von Geschäftstransaktionen werde für den Finanzplatz von Vorteil sein, sagte gestern Finanzminister Pierre Gramegna, der die aus der ganzen Welt angereisten Programmierer in der EIB besuchte.

Auch die EU-Bank sieht in der „Blockchain“ Potenzial - einmal für sich selbst, aber auch die gesamte Finanzbranche. Mit dem Wettbewerb will sie nun testen, ob es mit „Blockchain schneller, billiger und effizienter geht. „Blockchain ist eine neue Technologie, um sie effizient anwenden zu können, muss man sie zuerst testen“, erklärte Roessig. Vorgestellt werden sollen die Ergebnisse am heutigen Nachmittag.

Vielfältige Diskussionen

Begleitet wird der Programmier-Wettbewerb, der neben der EU-Bank von Telindus, NYUKO und dem „Luxembourg Open Innovation Club“ (LOIC) organisiert wurde, von Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema „Blockchain“. Viele sagen, diese Technologie werde die Welt verändern wie es einst die Elektrizität und dann das Internet getan haben. Erst am Mittwoch hatte das Normlierungsinstitut „ILNAS“ eine Studie präsentiert, die hervorhob, welches Potenzial die Technologie auf Luxemburgs Wirtschaft haben kann. „Ich denke, das ist ein guter Weg, die Banken aufzurütteln, um zu verstehen, dass Fintech nicht mehr das ist, was es einmal war“, kommentiert der Vizepräsident der EU-Bank Alexander Stubb den „Blockchain“-Wettbewerb.

Für den Anwalt Jean-Louis Schiltz, Professor an der Uni Luxemburg, ist „digitale Identität“ ein wichtiges Thema. Noch sei beispielsweise für Finanzinstitute die Legitimitäts-/Identitätsprüfung mit viel Papierarbeit verbunden, doch digitale Möglichkeiten schreiten auch hier voran, beispielsweise durch Kameras und biometrischer Gesichtserkennung. Diese Prüfung könne auch an Drittparteien ausgelagert werden - allerdings entfällt für Finanzinstitute damit nicht die Verpflichtung zur Einhaltung der Anti-Geldwäscheregeln (AML) und solcher zur Bekämpfung von Terrorfinanzierung (CTF). Hier bedarf vieles noch juristischer Klärung, und so ist für Schiltz klar, dass neue digitale Möglichkeiten bei der Umsetzung des digitalen EU-Binnenmarktes berücksichtigt werden müssen - um zu vermeiden, dass für Unternehmen das Steuerrisiko durch ein neues ersetzt wird, nämlich das Risiko der Nichteinhaltung von AML- und CTF-Regelungen.

Algorithmen, Apps, Anwälte

Warum er an seiner Universität den Kurs „Programmieren für Rechtsanwälte“ eingeführt hat, erklärte auf der EIB gestern Professor Erik Vermeulen von der Universität Tilburg. „Der Hauptgrund ist, dass ich möchte, dass meine Studenten lernen wie im digitalen Zeitalter zu denken.“ Seine Erfahrung sei, dass dadurch Fähigkeiten wie Problemlösung, kreatives Denken, zusammenarbeiten, experimentieren und Mitgestaltung verbessert würden.

„Diese Fähigkeiten sind wichtig, weil wir mehr Technologen wie zum Beispiel Programmierer und Nicht-Technologen wie zum Beispiel Anwälte brauchen, die zusammenarbeiten, um die Chancen und Herausforderungen der Zukunft - eine dezentrale, vernetzte und automatisierte Welt - richtig zu bewältigen“, sagt Vermeulen. „Jeder sollte programmieren lernen, denn es lehrt zu denken“, so der Jurist angesichts aufkommender selbstfahrender Autos und vernetzter Industrien. Wie rasant die Entwicklung voranschreitet, verdeutlichte Vermeulen an der Tatsache, dass 52 Prozent der einstigen S&P 500-Unternehmen, also der 500 der größten börsennotierten US-Firmen, innerhalb der letzten 15 Jahre aus diesem verschwunden sind. Nur wenn alle gemeinsam die „digitale Welt“ entwickelten, sei sichergestellt, dass sie ihr volles Potenzial mit größerer Transparenz, Nutzen und Vertrauen erreiche.