Das Handy liegt ausgeschaltet im Jugendzimmer. Im Klassensaal wirft ein leerer Stuhl Fragen auf. Fragen, durch die sich im Kopf-Kino der Eltern ein unheimlicher Film abspielt. Das eigene Kind ist wie vom Erdboden verschluckt. Eine Stunde, zwei Stunden, drei Stunden - die Uhr tickt. Mit jedem Minutenschlag wächst die Sorge. Nach 72 Stunden dann die Auflösung: Es war nur Spaß.
Das Spiel mit der Angst
So ähnlich muss es den Eltern der 13-Jährigen ergangen sein, die vor wenigen Wochen drei Tage lang spurlos verschwunden war. Sie dokumentierte ihr Ausreißen später auf sozialen Netzwerken. Scheinbar wird die Flucht aus dem Elternhaus neuerdings zum Spiel unter Jugendlichen. Diese verschwinden, ohne jegliche Notiz zu hinterlassen. Nach Hause zu gehen ist nur dann erlaubt, wenn die Eltern abwesend sind. Über mediale Kanäle tauschen sie anschließend Erfahrungen aus. Plattform für diesen Austausch soll Facebook sein.
Sündenbock gesucht und gefunden
Yves Lacour, Erzieher im „Péitenger Jugendhaus“, hält das Ganze allerdings weitgehend für unbedenklich: „Die Jugendlichen, mit denen ich zusammenarbeite, und das sind viele, wussten nichts von dieser Bewegung. Momentan handelt es sich wohl um Einzelfälle, die man schon ernst nehmen, aber nicht überbewerten sollte.“ Lacour sagt weiter, dass der Umgang mit sozialen Netzwerken stellenweise problematisch, aber keinesfalls an und für sich bedrohlich sei. „Es geht nicht darum, den Teenies radikal zu verbieten, Facebook zu nutzen, weil man von solchen Fällen erfährt. Das ist nicht die Lösung“, gibt er zu bedenken, „Natürlich sollen Eltern das Internet thematisieren und auf mögliche Gefahren hinweisen - aber alles schwarz zu malen und schlecht zu reden, ist einfach daneben.“ Zwar kann niemand leugnen, dass soziale Medien einen Raum bieten, um Aufmerksamkeit zu gewinnen und Gleichgesinnte zu mobilisieren, doch muss im besagten Fall die Motivation für das Handeln im Vordergrund stehen: Ein rundum glückliches Kind sucht nicht nach solchen Gruppen. Genauso wenig wie ein zufriedener Jugendlicher sich nicht durch Bilder auf Instagram plötzlich selbst verletzt.
Der Hashtag „cutting“ muss beispielsweise manuell eingegeben werden. Das setzt also den Willen voraus, entsprechende Bilder zu finden. Und besteht dieser Wille, gibt es offensichtlich ein ernstzunehmendes Problem, das nicht auf der Existenz des Internets und dortiger Gruppen gründet.
Zuhören statt verbieten
„Die größte Gefahr für Jugendliche ist die demoralisierende Gesellschaft, in der sie aufwachsen. Nicht Facebook, Instagram und Co“, merkt der Erzieher an. „Viele Teenies haben das Gefühl, dass sich niemand für ihre Probleme, oder aber auch für ihre Stärken, interessiert. Sie fühlen sich nicht ernst genommen“, führt Lacour aus.
Es steht außer Frage, dass es für Betroffene ein schreckliches Gefühl sein muss, nicht zu wissen, wo das eigene Kind steckt. Aus der Erfahrung darf jedoch nicht ausschließlich die Erkenntnis folgen, dass Eltern die Internetnutzung der Jugendlichen verstärkt überwachen sollen.Sie ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass sie den Dialog mit ihren Kindern suchen müssen.




