LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Blick ins Jahr 2030: Was sich Jugendliche für Bildung und Schulalltag wünschen

Wie soll Luxemburg aussehen, wenn Sie im Job stehen, selbst Firmen und Familie gründen oder vom Auslandsstudium zurückkommen? Alles andere als nur eine rhetorische oder theoretische Frage war das für rund 70 Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren. Genau „99 Iddien fir eis Zukunft“, die sie für das Jahr 2030 verwirklicht haben wollen, haben sie in einem Workshop gemeinsam zusammengetragen. Ganz im Sinn der 17 Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der UN. Dazu eingeladen wurden die jungen Leute vom Nachhaltigkeitsrat, einem unabhängigen Gremium von 15 Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der luxemburgischen Gesellschaft, und dem „Œuvre nationale de secours Grande-Duchesse Charlotte“.

Die Jugendlichen bekamen keine Vorgaben, sondern konnten ihre Themen frei auswählen. Die Leitfrage war „Welche sind eure Visionen für das Leben in Luxemburg im Jahr 2030?“ Die Ideen zu Bildung, Nachhaltigkeit, Kultur, Chancengleichheit und Mobilität wurden im Oktober des vergangenen Jahres in Kleingruppen ausgearbeitet und dann im Plenum gegenseitig präsentiert. Begleitet wurden die jungen Leute dabei von einem professionellen Beraterteam, welches die Konstruktivität der Diskussionen unterstützte. Eine Dokumentationsgruppe aus Jugendlichen erstellte ein Abschlussdokument, die übrigen Teilnehmer arbeiteten Lösungsansätze für einige Themen aus. Zum Schluss wurden noch Kurzfilme gedreht, welche die Ideen und Lösungen zusammenfassen.

Digitalisierung und Lehrerbewertung

Vor ein paar Tagen stand die Präsentation ihrer Ideen vor Politikern an - und zwar direkt in der luxemburgischen Chamber. Dort haben sechs Jugendliche, als Vertreter der großen Gruppe, den Abgeordneten die Ideen vorgestellt.

Mit dabei war auch Caroline Moreau vom Athenäum. Den Besuch im Parlament fand die 18-Jährige sehr interessant, auch wenn sie sich die Chamber anders vorgestellt hatte: „Es war sehr interessant zu sehen, wie die Deputierten arbeiten und Probleme angehen, wir haben nur einen fixen Blick auf ein Problem, aber sie betrachten das Ganze.“ Das betraf etwa die finanziellen Aspekte bei der Bildung oder beim Umgang mit natürlichen Ressourcen. Caroline hat den Abgeordneten die Ideen der Schüler vorgestellt, welche sich mit Schulbildung befassten. Vorgeschlagen haben die Jugendlichen zum einen mehr Digitalisierung im Unterricht, welche die Schüler durch mehr Umgang mit iPad, Tablet oder PC ab dem Lyzeum umgesetzt sehen. Ein weiterer Vorschlag zielt auf die Bewertung der Lehrer ab, und zwar durch die Schüler und andere Lehrer. Denkbar halten das die Jugendlichen in einem Rhythmus von zwei Jahren. Das Konzept kennt Caroline etwa aus Großbritannien, wo es an Privatschulen eingesetzt wird. „Das handhabt man an Privatschulen in vielen anderen Ländern so und in Großbritannien funktioniert es gut.“ Lehrer, welche dort von Schülern und Kollegen gut bewertet werden, erhalten einen Bonus. „Das ist sehr privatwirtschaftlich, das müsste hier nicht so sein“, räumt sie ein.

Für die Schulbildung, einen der Bereiche, der die Jugendlichen derzeit nun mal mit am meisten betrifft, sind bei den „99 Iddien fir eis Zukunft“ aber noch mehr Vorschläge zusammengetragen worden. Eine andere Idee betrifft etwa die Sektionen an den luxemburgischen Lyzeen. Den Schülern schweben neue Sektionen wie eine Geschichtssektion, eine „Social Section“ oder ein Leistungskurs-System mit einer Mischung von „Classique“, „Technique“ und „Modulaire“ vor. „Wir wollten neuen Sektionen vorschlagen, bei denen man sich spezifische Themen aus anderen Sektionen aussuchen kann.“ Die Idee dahinter ist, dass die Schüler mehr Wahlfreiheit bekommen. „Wer mehr Biologie, Mathematik oder Sprachen machen möchte, soll wählen können und keine fixe Sektionen mehr haben“, erklärt die Schülerin.

Mehr fürs spätere Leben: Alltags- und Aktualitätskurse

Des Weiteren hat sie stellvertretend für die anderen Jugendlichen dargelegt, dass sich die Jugend in der Schule mehr Vorbereitung auf die Zukunft wünscht: „Wir als Schüler wollen mehr ‚orientation professionelle‘ und psychologische Tests, um mehr über unsere Kompetenzen zu erfahren.“ In einem solchen Alltagskurs soll auch das Schreiben von CVs auf dem Programm stehen. „Das ist bisher nicht verpflichtend, daher wissen viele Schüler einfach nicht, wie sie das machen sollen.“ Noch dazu wünschen sie sich mehr Informationen über politische und wirtschaftliche Aktualität in Luxemburg und in Europa. Möglich wäre dies in einem einstündigen Aktualitätskurs pro Woche.

Wie es in Zukunft mit ihren 99 Ideen weitergeht, interessiert Caroline. „Es wäre schön, wenn die Deputierten ein paar Ideen mitnehmen und umsetzen könnten“, führt sie aus und ergänzt direkt, „aber das ist zu viel gehofft, man kann nicht alle Ideen umsetzen, es sind auch komplexe Probleme, die man nicht in vier Jahren erfüllen kann.“

Das Zusammentreffen mit den Politikern hat die 18-Jährige als sehr interessant erlebt. „Ich habe auf die Vorschläge zur Schulbildung Rückmeldung von der Finanzkommission bekommen und insgesamt auch sehr detailliertes Feedback.“ Das lag vor allem daran, dass die Ideen für eine verbesserte Bildung relativ präzise und klar abgegrenzt waren. Das wiederum sei aber nicht bei jedem Bereich der Fall gewesen. „Wir als große Gruppe waren manchmal zu vage“, sagt sie. Alles in Allem für Caroline eine sehr interessante Erfahrung. „Besser als die Schule selbst, ich habe viel gelernt, ich habe verschiedene Leute von anderen Schulen und soziale Hintergründe kennen gelernt.“