CORDELIA CHATON

175 Jahre ist es her, dass Charles Dickens „A Christmas Carol“ geschrieben hat, jene sozialkritische Weihnachtsgeschichte um einen Geizhals, der geläutert wird. Sie wurde unzählige Male verfilmt und als Hörspiel aufgenommen, schließlich gab es auch damals Armut und Hunger, heftige soziale Unterschiede und natürlich Geizhälse wie die Hauptfigur, in diesem Fall der Geldverleiher Ebenezer Scrooge.

Jetzt wünscht man sich, dass der Geist des alten Geizhalses den britischen Entscheidern erscheint und endlich für eine Erleuchtung im Sinne des Volkes sorgt. Die Zeit drängt. Denn Premierministerin May kriegt ihren 585-Seiten-Vertrag nicht durchs Parlament, weil überall in ihrer Partei andere auf die Machtübernahme hoffen, ohne auch nur eine Sekunde an ihre Landsleute zu denken. Es geht eher um schöne Weihnachtsreden und harte Machtansprüche als um das Volk, auch wenn die Lords viel davon fabulieren.

Auf der anderen Seite der politischen Agenda sitzt ein unsicherer Zitter-Corbyn und weiß nicht, ob er soll oder nicht, denn er ist sich ja nicht sicher, ob er dann die Macht erhalten würde, die er so gern hätte. Also macht er: So gut wie nichts. Das nervt sogar sein Schattenkabinett, insbesondere den designierten Brexit-Minister. „Keine Regierung hat das Recht ihr Land ins Chaos zu führen, weil sie selbst unfähig ist“, stellt Labour-Mitglied Keir Starmer fest. Er will eine Notfall-Debatte durchbringen, um einen Brexit ohne Vertrag zu vermeiden.

Der Mann hat Recht. Ein harter Brexit wäre für alle von Nachteil. Zollkontrollen, gestrandete Flieger, Finanzmarktturbulenzen, fehlende Formulare und Abläufe: In solchen Momenten merkt der Mensch, wie viel Abkommen, von denen er nichts gewusst hat, sein Leben strukturieren.

Jetzt fahren beide Seiten Notfallpläne hoch, um das Schlimmste zu verhindern. Dabei ist doch eines offensichtlich: In dieser Geschichte ist der Machtanspruch britischer Politiker das gleiche wie der Geiz von Ebenezer Scrooge. Wer es in fast zwei Jahren nicht fertiggebracht hat, den Willen des Volkes zu verstehen, kann einen No Deal doch wohl kaum als solchen verkaufen. Wann beseelt der Geist der Weihnacht endlich die umnebelten Hirne britischer Politiker? Lord Heseltine bringt es auf den Punkt, wenn er von der betrogenen Jugend spricht.

Aber es geht um mehr: Um Jobs, Bildung, Sozialleistungen, Haustiere, Versicherungen, Landegenehmigungen, Krankentransporte, Finanzstabilität, Zölle, den Frieden in Irland und vieles mehr. Allein der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet mit zehn Millionen zusätzlichen Zollanmeldungen pro Jahr und 200 Millionen Euro Bürokratiekosten. Natürlich gäbe es einen Ausweg: Die britische Regierung zieht ihren Scheidungsantrag zurück. Das geht bis zum 29. März und ist sogar vom Europäischen Gerichtshof in Luxemburg als gangbarer Weg freigegeben worden. Die anderen bräuchten gar nichts zu tun.

Vielleicht sollte die EU noch schnell eine Facebook-Kampagne finanzieren über die wahren Folgen des No Deal. Und dann können wir endlich, endlich hören, wie die Brexit Carol ein gutes Ende nimmt. Wir würden sie sogar unseren Enkeln erzählen als Lehrstück über Populismus und darüber, wohin Machtgeilheit führen kann.