LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Was die Luxemburger im Kongo suchten - Ein Interview mit dem Historiker Régis Moes

Ein Jahr vor der Unabhängigkeit des Kongo wurden etwa 600 Luxemburger in der belgischen Kolonie gezählt. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung des Großherzogtums zu dieser Zeit kommt man auf einen Anteil von 1,9 von 1.000 Luxemburgern die im Herzen Afrikas lebten. Ein Anteil der vergleichbar ist mit jenem der Belgier und Franzosen die in „Übersee“ lebten. Wir haben uns mit dem jungen Historiker Régis Moes unterhalten, der 2012 eine Masterarbeit über die Luxemburger im Kongo verfasste.

Herr Moes, was trieb Luxemburger an, sich im belgischen Kongo niederzulassen?

Régis Moes Es gibt viele unterschiedliche Gründe. Zu Beginn der Kolonie, die ja zwischen 1875 und 1908 im Privatbesitz des belgischen Königs war, um dann zu einer belgischen Kolonie zu werden, waren es jedenfalls vor allem Militärs aus Luxemburg, die in den Kongo gingen. Luxemburgische Offiziere hatten damals Zugang zu einer Karriere in der belgischen Armee und einige hat es offenbar gereizt, auch im Kongo in den Einsatz zu kommen. Dann gab es um 1900 eine Welle von Ingenieuren aus Luxemburg, die sich am Bau von Infrastrukturen wie Eisenbahnen beteiligten.

Sieht man sich die Statistik der Zahl der Luxemburger im Kongo an, stellt man fest, dass es vor allem in den 1920er Jahren einen richtigen Schub gab. Warum?

Moes Das hatte damit zu tun, dass Luxemburg und Belgien 1922 in der „Union Economique Belgo-Luxembourgeoise“ enger zusammen rückten und vor allem damit, dass die Verwaltungskarrieren in der Kolonie nun auch für Luxemburger zugänglich waren. Nicht wenige ergriffen die Gelegenheit, die auch einen schnellen gesellschaftlichen Aufstieg bedeutete. Das belgische Kolonialministerium warb damals übrigens auch stark in der luxemburgischen Presse, um Interessenten zu finden. Die Kandidaten mussten auf jeden Fall eine höhere Schulbildung genossen haben. Leute mit einem solchen Profil waren damals eher die Ausnahme. Und die, die in den Kongo gingen, waren sehr gut untereinander vernetzt. Schließlich hatten viele zusammen an den gleichen Lyzeen studiert.

Nun sieht man in der Statistik ab 1930 einen Rückgang der Zahl der Luxemburger im Kongo und dann wiederum einen Anstieg ab 1936. Wie erklärt sich das?

Moes Der Rückgang ist sicher der großen Wirtschaftskrise von 1929 geschuldet, die auch die Nachfrage nach Waren aus den Kolonien einbrechen ließ. Es war weniger lukrativ, dort eine Aktivität zu starten. Dass die Zahl der Luxemburger im Kongo ab 1936 wieder stieg, hängt sicher auch mit der Unsicherheit in Europa zu dieser Zeit zusammen. Einige Luxemburger entschieden sich für den Kongo, um weit weg von einem möglichen Krieg zu sein.

Der stärkste Anstieg ist aber nach dem Zweiten Weltkrieg zu beobachten. Warum?

Moes Nun, es gab vor allem ab Ende der 1940er in Luxemburg einen Engpass an höheren Posten in Luxemburg. Und der Kongo entwickelte sich zu dieser Zeit rasant. Besonders die Städte boomten und es gab viele Opportunitäten, nicht nur in der Verwaltung, sondern auch in der Wirtschaft. Die Gebrüder Armand und René Delvaux beispielsweise bauten in Leopoldville eine industrielle Bäckerei auf und kamen zu großem Vermögen. Im Kongo Karriere zu machen, war damals ein ganz normaler Werdegang, der auch von den luxemburgischen Autoritäten und sogar vom großherzoglichen Hof unterstützt wurde.

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs fand das aber ein jähes Ende...

Moes Alles ging sehr schnell in den Jahren 1959 und 1960. Im Januar 1959 hatte die Polizei bei einer Versammlung einer kongolesischen Partei ein Blutbad angerichtet. Der Druck auf die Belgier stieg. Das und die Erkenntnis, dass es richtig teuer würde, wenn sie Truppen in die Kolonie entsenden würden, bewog sie, lieber Unabhängigkeitsverhandlungen anzustreben. Aber das Land war überhaupt nicht auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Es gab kaum Kongolesen in den Verwaltungen, bestenfalls 30 Kongolesen verfügten über einen Universitätsabschluss. Der Staat musste zusammenbrechen, als quasi der gesamte Verwaltungsapparat sich während der Unruhen von 1960 absetzte.

Es gab also eine Massenflucht. Was passierte mit den Luxemburgern?

Moes Im Sommer 1960 wurden rund 200.000 Weiße über eine Luftbrücke ab Brazzaville evakuiert. Auch Drei Viertel der Luxemburger traten den Heimweg an und ließen zum Teil alles zurück. Wegen der rapiden Abwertung des kongolesischen Francs war ihr Besitz ohnehin quasi nichts mehr wert.

Kurz vor der Unabhängigkeit war übrigens Wirtschaftsminister Paul Elvinger für eine dreiwöchige Rundreise im Kongo, während der die Luxemburger im Land zusammen gerufen wurden und sie über die Lage aufgeklärt wurden. Im Juli 1960 eröffneten drei luxemburgische Konsulate, an die sie sich wenden konnten. 1963 waren vielleicht noch 155 Luxemburger im Kongo anzutreffen gegenüber 575 vor dem Bürgerkrieg.

Und wie ging es mit den Luxemburgern nach ihrer Rückkehr weiter?

Moes Die meisten mussten sich durchschlagen, versuchen, bei ihren Familien unterzukommen und quasi ein neues Leben aufbauen. Für die Beamten im Dienst der belgischen Kolonie gab es ein so genanntes „traitement d’attente“ wenn sie keinen Platz in der luxemburgischen Verwaltung fanden. Für die Privatleute war es schwieriger, sie konnten sich aber relativ schnell wieder in das soziale Gefüge in Luxemburg integrieren. Für die meisten war es jedenfalls ein abrupter Bruch in ihrem Leben. Die Erinnerung schmerzt. Das ist eine Erklärung, weshalb die kongolesische Vergangenheit in Luxemburg kein Thema war. Eine andere Erklärung mag sein, dass man Distanz zu einer Kolonialzeit aufbauen will, die durch Unterdrückung gekennzeichnet war.