LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der Genfer Automobilsalon spiegelt die schwierige Lage der Branche wieder

Ein zwiespältiges Umfeld prägt in diesem Jahr den Genfer Autosalon, der vom kommenden 7. bis 17. März stattfindet. „Zwar ist die Lage nicht so extrem wie im Jahr 2009, dem Jahr der Weltfinanzkrise, die durch die Lehman-Pleite 2008 ins Rollen kam. Aber das Umfeld der Messe könnte besser sein“, fasst Prof. Ferdinand Dudenhöffer zusammen. Er ist Direktor des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen sowie Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.

Der Experte weiß, dass die Branche den Brexit fürchtet, der türkische Automarkt mit einem Rückgang von 33 Prozent im Jahr 2018 am Boden liegt, die erhoffte Belebung des iranischen Automarkts durch die Sanktionen des US-Präsidenten zunichte gemacht wurde und die Autobauer in Deutschland mit der Umstellung auf den vereinheitlichen Pkw-Test kämpfen, während weitere Bußgelder beim Diesel drohen.

„US-Präsident Trump ist auch mit Europa auf Zollkriegskurs und in China verharrt der Automarkt die nächsten Monate in der Rezession“, analysiert der Automobilexperte. Als wäre das nicht schon genug, wurde von der EU mit den CO2-Regeln für 2030 nochmals der Druck auf Investitionen für eine klimaneutralere Mobilität erheblich gesteigert. „Auch das sieht und fühlt man an einer Fülle an Elektromodellen und Studien in Genf“, unterstreicht Prof. Dudenhöffer.

Genf-Thema: Brexit und Produktionsstandort England

Im Kontext des Weltautomarkts hat England eine eingeschränkte Bedeutung. 2018 wurden in England 2,34 Million Pkw neu zugelassen. Das entspricht 2,8 Prozent der weltweiten Verkäufe. „Selbst wenn der UK-Markt um 25 Prozent einbrechen würde, was keinesfalls zu erwarten ist, würde der weltweite Nachfrageausfall gerade mal 0,7 Prozent des Weltmarktes ausmachen“, rechnet Prof. Dudenhöffer vor. Daher hält er überzogene Befürchtungen auf der Nachfrageseite für wenig realistisch. „Lässt man jetzt BMW außen vor, ist der Brexit für die VW-Gruppe und Daimler verdaubar“, meint er. Denn Bentley spiele im VW-Konzern nur eine untergeordnete Rolle.

Schwieriger wird es für Autobauer und Zulieferer mit Produktionsstandorten auf der Insel. „Am schlimmsten dürfte es JaguarLandrover treffen, denn dort ist man extrem vom Produktionsstandort England abhängig“, weiß der Experte. Aber auch für Ford und Opel bereite der Brexit Kopfzerbrechen. Ford Europe stecke bereits in Verlusten und bei Opel-Vauxhall hat das Werk Ellesmere Port einen sehr schweren Stand. Ähnlich sei es bei Honda, mit der angekündigten Schließung des Werks Swindon, die zu befürchten sei. Die Japaner zögen sich Stück für Stück aus dem Produktionsstandort England zurück und auch bei BMW dürften die Wachstumsraten für Mini-Produktionen in UK Vergangenheit sein. Es werde leerer in den Werkshallen der Autobauer und Zulieferer in England. Der Automobilexperte meint: „Die Risiken sind zu hoch, es fehlt an Planbarkeit, die Spielchen der Premierministerin werden immer unglaubwürdiger - schnell raus aus dem Produktionsstandort UK scheint zur Parole zu werden.“

Die Gewinne der Autobauer und Zulieferer werden laut ihm im Jahre 2019 sehr dünn ausfallen. Gewinnwarnungen, Produktionskürzungen und Personalabbau seien vorprogrammiert. Die größte Belastung dürfte der Rückgang aus China ausmachen. „Kein gutes Umfeld für eine Messe in Glanz und Glamour“, fasst Prof. Dudenhöffer zusammen.

Im Jahr 2019 werden nach der Prognose des CAR-Instituts weltweit 81,9 Millionen Pkw verkauft werden. „Das ist ein Rückgang von 1,8 Millionen Pkw-Verkäufen gegenüber dem Vorjahr; gegenüber dem Jahr 2017 fehlen drei Millionen Pkw-Verkäufe“, rechnet Prof. Dudenhöffer vor. „Damit ist von nicht-ausgelasteten Produktionskapazitäten von deutlich mehr als fünf Millionen Pkw-Neuwagen weltweit auszugehen. Nicht-ausgelastete Produktionskapazitäten sind im Autogeschäft mit Verlusten gleichzusetzen.“

Er sieht auch die Entwicklung des asiatischen Automarktes negativ. „Insgesamt fehlen gegenüber dem Jahr 2017 in Asien 1,8 Millionen Neuwagenverkäufe. Das zeigt, dass die Zoll-Eskapaden des US-Präsidenten Donald Trump gegen Europa zwar ärgerlich sind, aber US-Zölle für europäische Fahrzeuge sind nicht das große Problem, sondern der Zollkrieg mit China“, schlussfolgert der Experte. In Nordamerika müsse mit Nachfragerückgängen in Kanada, USA und Mexiko gerechnet werden. Sein Fazit: Das Umfeld zu Genf verdirbt die Champagner-Stimmung.

Wichtige Autobauer fehlen, auf Messeständen stehen eher Studien

Der Trend, dass die klassischen Automessen an Bedeutung verlieren, setzt sich auch in Genf, wenn auch in geringerem Ausmaß, fort, ist Prof. Dudenhöffer überzeugt. So fehlten in diesem Jahr unter anderen Ford, Volvo, Opel, Jaguar und Landrover. Das Drama aus Detroit, bei dem fast alle Autobauer fehlten, wiederholt sich in Genf nicht. Wie jedes Jahr werden in Genf die Hyper-Cars, wie Ferrari, Lamborghini, McLaren, Aston Martin, Pagani oder Koenigsegg ihre Neuheiten feiern.

Mediale Aufmerksamkeit wird der Auftritt von Toni Piëch mit seiner Studie „Piëch Mark Zero“ erzeugen. „Ob sich daraus wirklich eine neue Marke für exklusive Autos entwickelt wird sich zeigen“, beurteilt Prof. Dudenhöffer eher zurückhaltend. Die großen Themen der Zukunft seien autonomes Fahren, künstliche Intelligenz und Connectivity in Verbindung mit dem Elektroantrieb.

Ansonsten erwartet er in Genf eine Messe der Studien. VW zeigt mit den ID Buggy eine Studie eines elektrischen Offroaders, Audi die seriennahe Studie Q4, ein elektrischer Kompakt-SUV. Skoda kommt mit der Studie VISION iV. Honda zeigt den Prototypen eines E-Autos. Aston Martin hat die E-SUV-Studie „All-Terrain Concept“, Mitsubishi eine Studie mit dem eigenwilligen Namen „Engelberg Tourer“. Keine Messe ohne Citroën-Studie und daher zeigen die Franzosen mit „Ami One“ ihre Vision vom Auto der Zukunft. Bei den Serienautos bleibt man auch in diesem Jahr beim Traditionellen. Face-gelifteter VW-Passat, Facelift des BMW Siebener, von Mercedes eine überarbeitete V-Klasse, neuer Porsche 911 Cabrio, bei Skoda der Rapid-Nachfolger Scala, Facelift des Renault Twingo und neuer Clio, Peugeot mit neuem 208, der später sicher dann auch als Opel Corsa in Frankfurt stehen dürfte. Insgesamt seien klassische Limousinen, also Schrägheck und Stufenheck, eher ein schrumpfendes Segment.

Die Impulse in Genf erwartet Prof. Dudenhöffer wie in den Vorjahren vom SUV. So stellt Skoda seinen neuen City-SUV Kamiq vor, Mazda feiert in Genf die Weltpremiere des CX-4, eines neuen Mittelklasse-SUV. Mittlerweile ist fast jeder zweite verkaufte Mazda ein SUV. Mitsubishi präsentiert die neue Generation des Kompakt-SUVs ASX, Audi den elektrischen Q4, der nicht vor 2020 im Markt sein wird. Startschuss für das Elektroauto Der Durchbruch des Elektroautos wurde in den letzten Jahren jährlich in Genf verkündet. „Dieses Mal ist es aber glaubhaft“, sagt Prof. Dudenhöffer. Hauptgrund sei die EU-Kommission mit den neuen CO2-Vorgaben und das Diesel-Eigentor der Autobauer. „Ein Zurück zum Diesel gibt es nicht mehr, also bleibt allen nur mit Volldampf ins Elektrozeitalter zu fahren, auch das ist Botschaft von Genf.“ Der Salon leitet seiner Meinung nach eher ein Jahr der Gewinnwarnungen als eines der großen Erfolge ein. „Das wird auch 2020 kaum besser werden. Die Hoffnung liegt auf der Zeit nach 2020 und diese Hoffnung ist nicht unbegründet“, schließt der Experte.