ANNETTE DUSCHINGER

Jugendliche, die sich zu schade sind, gewisse Berufe ergreifen zu wollen, Arbeitslose, die sich zu schade sind, gewisse durchaus zumutbare Arbeiten verrichten zu wollen und Langzeitarbeitslose, die sich dauerhaft im RMG einrichten - sowohl in seiner Rede zur Lage der Nation, als auch bei den rezenten Neujahrsempfängen konnte man solche Vorwürfe von Premierminister Juncker vernehmen. Natürlich macht man sich beliebt und erntet persönliche Zustimmung, wenn man als Politiker solche angeblichen Missstände anprangert. Andererseits bedient man aber auch gnadenlos plakativ Vorurteile und stärkt nicht gerade den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität mit Benachteiligten, wenn man ihnen Sozialmissbrauch vorwirft. In Zeiten klammer Kassen und von allen geforderten Sparanstrengungen ist es ein populistischer, aber gefährlicher Kurs. Und von einem Premier, der sich selber als recht dünnhäutig kritischen Bemerkungen gegenüber erweist, könnte man eigentlich mehr Feingefühl, Differenzierung und auch mehr Niveau erwarten .

Entweder es besteht ein nachweisliches Problem mit Missbräuchen eines zu großzügigen Sozialsystems, es wird nicht genug Eigeninitiative erwartet, um in den Genuss staatlicher Unterstützung zu kommen und man kann zu gut davon leben, ohne dem Druck auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt zu sein. Dann muss man es politisch eben anpacken - aber bitte auf Fakten beruhend und nicht auf Vorurteilen und Pauschalisierung.

219 Millionen Euro kostete das Arbeitslosengeld, der weitaus größte Anteil der gut 537 Millionen Euro, die der Fonds pour l’Emploi 2011 ausgab, floss in die so genannten Actions en faveur de l’emploi. Doch wie effizient sind die Angebote zur (Wieder-)Eingliederung in den Arbeitsmarkt, die von der ADEM angeboten werden wirklich? Wie sieht es mit den Erfolgsquoten bei Aus- und Weiterbildungen, bei Umschulungen aus? Wie gut beraten, orientiert und betreut fühlen sich Arbeitssuchende in Luxemburg? Wie hoch liegen die Chancen, den durch den Verlust der Arbeit begonnenen Prozess des sozialen Abstiegs in Luxemburg wieder umkehren zu können und wie schnell geht es?

Denn einer Studie des österreichischen Instituts für Familienforschung nach sind innerhalb von nur sieben Monaten die Weichen für das weitere Lebensschicksal eines Arbeitslosen gestellt: Die Resignation beginnt, es verstärken sich Verzweiflung und Depression, man lässt sich leichter entmutigen und nach ein bis zwei Jahren Teufelskreis wirft auch der Zuversichtlichste das Handtuch und ergibt sich in die Dauer-Arbeitslosigkeit. Die Folgen: Der Lebensstandard sinkt signifikant, Depressionen und Sinnlosigkeitsgefühl stellen sich ein. Hurra, endlich ohne Arbeit, endlich mit Bier und Zigaretten vor dem mit dem RMG bezahlten Flatscreen-TV dauerhaft einrichten, dieses Lebensgefühl überkommt wohl die wenigsten.

Über 21.000 Menschen sind auf der Suche nach Arbeit in Luxemburg. Die Quote stieg weiter - auf mittlerweile 6,4 Prozent. Ihr Stigma, Versager unter lauter Tüchtigen zu sein zu verstärken, ist kein konstruktiver Beitrag und lenkt allenfalls von der politischen Verantwortung ab.