LUXEMBURG
PATRICK WELTER/DPA

Dramatische Situation für Schausteller in Luxemburg und den Nachbarländern

Fünfzig bis sechzig Familien stehen in Luxemburg vor einem sehr schweren Jahr. Termin um Termin, an dem die in Luxemburg ansässigen Schausteller ihrem Beruf nachgehen und Geld verdienen sollten, wurde und wird gecancelt. Die Schaustellersaison beginnt um Ostern herum und endet mit den Weihnachtsmärkten. Der größte Schlag kam am Montag als sich der Rat der Stadt Luxemburg dazu entschlossen hat, die Schobermesse 2020 mit Rücksicht auf die Gefahren der Corona-Epidemie abzusagen. Die nächste Ausgabe wird also erst 2021 stattfinden. Da die Schobermesse – eines der größten europäischen Volksfeste - rund die Hälfte des Jahresumsatzes ausmacht, bedeute dies natürlich einen herben Einkommensverlust. Musste man die „Fouer“ wirklich schon so früh absagen? fragen sich die Schausteller. Ob die von der Stadt Luxemburg angekündigten „kleinen“ dezentralen Kirmesveranstaltungen den Schaustellern helfen können, ist noch unklar. Außerdem müssten dafür auch die rechtlichen Vorgaben der Regierung stimmen. Immerhin, die Schaustellerfamilien können ihren Betrieb jederzeit kurzfristig wieder aufnehmen. Derzeit profitieren die Familienbetriebe von den staatlichen Hilfsgeldern für Kleinbetriebe, organisatorisch werden sie von der CLC beraten. Dennoch gilt das, was Schaustellerpräsident Charles Hary gestern in einem Pressebericht sagte: „Ohne Kirmes ist ein Schausteller nichts!“

Goldschmidt: Kleinteiliges Sommerprogramm

Patrick Goldschmidt ist als Schöffe der Stadt Luxemburg unter anderem für Volksfeste zuständig. Nach der Ankündigung des Premiers, Veranstaltungen bis zum 31. Juli auszusetzen, habe man sich für eine Absage der Schobermesse entschieden, erläutert uns Goldschmidt. Eine derartige Veranstaltung lasse sich nicht in drei Wochen organisieren. Da damit zu rechnen ist, dass in diesem Sommer viele Menschen in der Stadt bleiben, müsse man sich als Schöffenrat Gedanken über ein Unterhaltungsprogramm machen. Dabei werde an kleine Events gedacht, die auch Schausteller berücksichtigen. Es gehe im Kern darum, den Bewohnern der Hauptstadt im August und September mehr zu bieten als nur leere Straßen.

München: Aus Ischgl gelernt

Nicht nur in Luxemburg stehen die Schausteller vor einem schlechten Jahr. In Frankreich muss man derzeit keinen Gedanken an eine „fête populaire“ verschwenden. An Blackpool-Promenade und -Piers, einer quasi statischen Kirmes, dient der Blackpool-Tower als Verteilstation für Lebensmittel, anderswo ist es kaum besser.

Vorgestern wurde die „Mutter aller Volksfeste,“ das Oktoberfest in München, abgesagt. Vor allem mit dem Hinweis auf das Corona-Desaster im österreichischen Ischgl und anderen Après-Ski-Hotspots hätten Veranstaltung, die quasi von Massen leben, in diesem Jahr keine Chance. Die Entscheidung die „Wiesn“ abzusagen hatten der bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) und der Münchner Oberbürgermeister Reiter (SPD) gemeinsam getroffen. Laut DPA sagte Reiter, dies sei ein emotional schwieriger Moment. „… es einfach nicht stattfinden zu lassen, ist schon eine bittere Pille.“ Es habe auch ökonomisch in wirtschaftlich ohnehin schwierigen Zeiten negative Auswirkungen auf München. Nicht nur Schausteller, Wirte und Budenbesitzer auf dem Volksfest selbst, sondern auch Hotels, Gaststätten, Taxifahrer und Einzelhändler profitieren von dem Volksfest. Die Wiesn 2019 hatte nach Angaben der Stadt einen Wirtschaftswert von rund 1,23 Milliarden Euro. Andere bayerische Veranstalter folgten dem Münchner Vorbild und sagten ihre Volksfeste 2020 ab. In Stuttgart steht das Cannstatter Volksfest als zweitgrößtes Volksfest in Deutschland auf der Kippe. Im vergangenen Jahr hatten rund 3,5 Millionen Menschen den Cannstatter Wasen besucht. Der Auftakt für das Fest ist derzeit noch für den 25. September geplant.

Schausteller wehren sich

Die deutschen Schausteller wehrten sich dagegen, das Wiesn-Aus zur Blaupause für andere Volksfeste zu machen. „Die Absage des Oktoberfestes darf kein Indikator sein, andere Volksfeste ab Ende August in Deutschland zwingend und voreilig abzusagen“, verlangte der Deutsche Schaustellerbund. „Die Feste sind für die Schausteller von existenzieller Bedeutung und für die einheimische Bevölkerung zentraler Anker ihres gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenlebens.“

Schausteller betrachten Probleme als lösbar

Im Internet findet sich auch ein offener Brief des Schaustellerbundes Berlin-Brandenburg, der sicherlich auch auf Luxemburg übertragbar ist: „Auf einem Volksfest können Abstandsregeln vorgegeben und kontrolliert werden. Ordnungskräfte werden auf Volksfesten nicht als störend empfunden, sondern vermitteln den Besuchern ein Gefühl von Sicherheit. So lassen sich Vorschriften leichter kontrollieren und umsetzen. Zudem: Volksfeste sind Treffpunkte für Familien. Dort vergnügen sich Paare zu zweit und Eltern mit ihren Kindern. Große Gruppen sind Ausnahmen, die sich steuern lassen. Kein Schausteller würde sich Auflagen der Behörden widersetzen. Im Gegenteil, die Betreiber von Karussells und Bahnen wissen, wie Sicherheitsvorschriften eingehalten werden: Nur mit Mundschutz auf die Kirmes, nur eine Person pro Gondel oder nur zu zweit in die Achterbahn – das sind Vorschläge, die von Schaustellern kommen. Sie stehen bereit, um mit Pandemie-Experten, Ordnungsbehörden und verantwortlichen Politikern praktikable Lösungen zu finden, die der Bevölkerung das Gefühl vermitteln, gut geschützt fröhlich sein zu können…“