LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Seit rund 20 Jahren ist Luxemburg in Cannes vertreten – ein Gespräch mit Film-Fund-Direktor Guy Daleiden

Ab morgen blickt die Welt wieder gespannt nach Cannes, wo bis zum 25. Mai das 72. Internationale Filmfestival über die Bühne geht. Während die Stars auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter ihr schönstes Lächeln zeigen und sich die schaulustigen Fans an den Absperrungen drängen, wird hinter den Kulissen gearbeitet, vor allem an künftigen Partnerschaften. Seit fast 20 Jahren ist das Großherzogtum nun schon an der Croisette vertreten, dies aber nicht im Rennen um die Goldene Palme, sondern geschlossen als Filmsektor mit einem Stand bei einem der größten Filmmärkte der Welt. Der „Marché du film“ ist in der Tat das geschäftliche Pendant zum prestigeträchtigen Festival. Wir haben uns im Vorfeld mit dem Direktor des Luxemburger Film Fund, Guy Daleiden, unterhalten.

Foto: Editpress/Herve Montaigu - Lëtzebuerger Journal
Foto: Editpress/Herve Montaigu

In wenigen Sätzen: Wie würden Sie die Filmfestspiele von Cannes beschreiben?

Guy Daleiden Das Festival von Cannes hat ganz klar zwei Facetten. Die meisten Leute sehen nur die eine Seite: den roten Teppich, über den die Gäste schreiten, um sich die Filme anzuschauen, die im Wettbewerb oder außerhalb laufen. Das ist der Festivalteil, für den Cannes hauptsächlich bekannt ist. Immerhin ist es das wahrscheinlich glamouröseste Festival der Welt. Was das breite Publikum weniger kennt, ist der „Marché du film“, der direkt hinter dem „Palais des festivals et des 
congrès de Cannes“ für die Filmbranche organisiert wird, demnach abseits des roten Teppichs, ganz ohne Glamour in Zelten. Jedes Land hat dort seinen Stand. Auch wir arbeiten in diesem zweiten Teil, fernab des Glamours, aber mitten im professionellen Leben.

Warum ist es so wichtig, in Cannes präsent zu sein?

Daleiden Wer nicht in Cannes ist, existiert nicht. Man muss sich dort als Land mit seinem Filmsektor zeigen. Wenn man dies nicht tut, heißt das, dass man nichts zu sagen hat. Zweitens ist es so, dass die ganze audiovisuelle Welt während zehn Tagen in Cannes zusammenkommt. Es bietet sich also die Gelegenheit, mit vielen wichtigen Leuten in Kontakt zu treten. Das ist natürlich viel einfacher und billiger, als durch die ganze Welt zu reisen, um die Filmschaffenden zu treffen, mit denen man reden will. Jeder ist da -  Produzenten, Regisseure, Schauspieler, Presse, Vertreter der Filmförderung und so weiter -, sodass man wirklich davon profitieren kann, ein Maximum an Gesprächen zu führen. Es sind intensive Tage. Viele Initiativen und Partnerschaften finden in Cannes ihren Anfang.

Wie hat sich diese Präsenz der Luxemburger Filmindustrie denn im Laufe der Jahre entwickelt?

Daleiden In den ersten drei Jahren hatten wir lediglich drei Tage lang einen kleinen Stand von neun Quadratmetern im Palais, der kaum Beachtung fand, weil wir dort einfach nicht aufgefallen sind. Seit 2003 haben wir nun einen großen Länderpavillon im „Village international“, zwischen Argentinien und dem Québec. Die Präsenz ist also mit der Zeit gewachsen: Je größer wir geworden sind, desto größer wurde auch unser Stand, der ja auch nicht allein für den Filmfonds reserviert ist. Rund 100 Professionelle aus Luxemburg werden während dieser Zeit anwesend sein. Wir stellen Material und Dokumentation für Leute zur Verfügung, die sich über Luxemburg als Filmland informieren möchten. Außerdem gibt es natürlich Sitzecken, wo sich Produzenten mit potenziellen Partnern zusammensetzen können. Cannes, beziehungsweise unser Pavillon ist für uns also ein Begegnungsort und eine Arbeitsstätte.

Luxemburg ist also mittlerweile in Cannes als Filmland bekannt?

Daleiden Definitiv, und ich würde mal sagen, nicht nur in Cannes!

Letztes Jahr haben verschiede luxemburgische Filmschaffende in Cannes die Gelegenheit genutzt, Kritik zu üben, beziehungsweise auf Probleme aufmerksam zu machen. Sind die Wogen inzwischen geglättet?

Daleiden Der Sektor stellt Forderungen, das ist sein gutes Recht. Letztes Jahr ging es insbesondere um die Finanzmittel. Darauf hat die Politik reagiert. Sie hat ein Audit durchführen lassen, den Stand der Dinge im Filmsektor analysiert, begutachtet, wie er sich entwickelt und überprüft, ob die Regelwerke und Kontrollmechanismen angepasst sind. Auf Basis der Ergebnisse dieses Audits hat die Regierung Maßnahmen in die Wege geleitet, um mehr Geld für künftige Filmprojekte freizugeben. Für die nächsten Jahre ist eine Erhöhung der Beihilfen um 20 Prozent vorgesehen. 

Folglich sind die Leute im Sektor jetzt zufrieden?

Daleiden Davon gehe ich aus, bisher hat sich jedenfalls niemand darüber beklagt, dass die Finanzmittel des Filmfonds aufgestockt wurden, um den Sektor zu unterstützen. Ich bin der Meinung, dass sich die Forderungen im Moment gelegt haben.

72. FILMFESTIVAL CANNES

Die Highlights aus Luxemburger Sicht

Für die diesjährige Auflage konnte ein Rekord an luxemburgischen Koproduktionen in der offiziellen Auswahl verzeichnet werden. Neben dem Hauptwettbewerb gibt es bekanntlich noch weitere Wettbewerbe. Drei luxemburgische Koproduktionen laufen in der Kategorie „Un certain regard“, in der seit 1998 ein Preis vergeben wird: der Spielfilm „Chambre 212“ von Christophe Honoré, koproduziert von „Bidibul Productions“, der Animationsfilm „Les Hirondelles de Kaboul“ von Zabou Breitman und Eléa Gobbé-Mévellec, koproduziert von „Melusine Productions“, sowie der Spielfilm „Fire will come“ („Viendra le feu“) von Oliver Laxe, koproduziert von „Tarantula Luxembourg“, der im Rahmen der „Aide Cineworld“ vom Film Fund unterstützt wurde. In der Reihe „Quinzaine des Réalisateurs“ wurde „The Orphanage“ von Shahrbanoo Sadat, koproduziert von „Samsa Film“, selektioniert, der ebenfalls mit einer „Aide Cineworld“ unterstützt wurde. 
Zwei Spielfilme werden außerdem bei der „Plateforme Frontières“ innerhalb des „Marché du film“ gezeigt: „Skin Walker“ von Christian Neuman, produziert von „Calach Films“, und „Marionette“ von Elbert Van Strien, koproduziert von „Samsa Film“. 
Am 17. Mai findet in Anwesenheit von Premierminister Xavier Bettel die traditionelle „Journée luxembourgeoise“ im luxemburgischen Pavillon statt, während der auch drei „Virtual Reality“-Produktionen entdeckt werden können: „Ayahuasca“ und „7 Lives réalisés“ von Jan Kounen, koproduziert von „a_BAHN“, sowie „Fever“ von Karolina Markiewicz und Pascal Piron. Am 18. Mai unterzeichnen Film-Fund-Direktor Guy Daleiden und sein irischer Homologe James Hickey ein Abkommen, das zum Ziel hat, weibliche Filmemacher gezielt zu fördern.