NIC. DICKEN

Täuscht der Eindruck, dass es Lebensmittelskandale von internationalem Ausmaß erst gibt, seit in Europa die so genannte „Gemeinsame Agrarpolitik“ (PAC) eingeführt wurde? Sicher, die europäischen Institutionen selbst stehen nicht im Verdacht, die Lebensmittelproduktion manipuliert oder systematisch gefälscht zu haben. Fakt ist aber leider, dass sich die EU außerstande zeigt, dafür zu sorgen, dass die von ihr in Kraft gesetzten Vorschriften und Verpflichtungen hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit tatsächlich umfassend eingehalten werden. Mit der Einführung einer gemeinsamen Agrarpolitik in den sechziger Jahren - noch heute steht dafür der Name Sicco Mansholt wie ein Menetekel - erfolgte die konsequente Wandlung von der bis dahin weitgehend bäuerlichen hin zur zunehmend industrialisierten Landwirtschaft.

Der Vorsatz, die damalige EWG im Lebensmittelbereich als Selbstversorger unabhängig zu machen, konnte zwar weitgehend - nicht vollständig! - erfüllt werden, aber um welchen Preis? Wo früher mit naturnahen Methoden gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel produziert wurden, gewann immer mehr der rein finanzielle Aspekt der Produktion die Oberhand. Die Erträge im Feldbau, vor allem aber in der Milch- und Fleischproduktion mussten gesteigert werden, um möglichst billige Lebensmittel zu produzieren. Mit Prämien, Subventionen und jeder Menge Vorschriften wurden immer zweifelhaftere Produktionsmethoden zum Durchbruch gebracht. Milchseen und Butterberge, aber auch Tiertransporte quer durch ganz Europa mit dem einzigen Ziel einer - verfälschten! - Ursprungszertifizierung der fertigen Teile, stehen bis heute für eine EU-Agrarpolitik, die fatal an Goethes Zauberlehrling erinnert. Die EU war und ist Opfer von mächtigen Lobbys, die sich ausschließlich um eigene Interessen und Profite scheren. Wieder knickte Brüssel, auch unter dem Druck nationaler Politik aus wichtigen Mitgliedstaaten, vor den Anliegen der Interessenvertreter ein. Nicht nur der aktuelle Eierskandal, auch die peinliche Dieselaffäre, sind jüngste Auswüchse dieser Politik, die am EU-Bürger vorbei vor allem auf die Interessen von wirtschaftlich - und zumeist auch politisch - starken Verbänden ausgerichtet ist.

Vergessen wird dabei, dass im Begriff „Lebensmittel“ vor allem der erste Wortteil von Bedeutung ist und deshalb das, was uns als „Planzenschutz“ verkauft wird, am Ende nichts anderes ist als eine auf Dauer lebensbedrohliche Anreicherung von lebensfeindlichen Giftstoffen im menschlichen Körper. Auch die in der modernen, ertragsorientierten Tierzucht verwendeten Wachstumsbeschleuniger, Antibiotika und sonstigen naturfremden Substanzen führen vor allem zu Wasser in der Bratpfanne und einer ebenfalls auf Dauer schädlichen Ansammlung im Organismus. Die Lebensmittelproduktion ist ein sehr sensibler Bereich, der vor allem vom Vertrauen lebt.

Allein darauf zu vertrauen, dass die Menschen essen müssen, egal was der Markt hergibt und dieser deshalb allein Maßstäbe setzt, ist ein Trugschluss, der die Volkswirtschaften Europas in anderen Bereichen sehr teuer zu stehen kommen könnte.