LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Britisches blaues Blut bei „The Favourite“: Intrigenspiele am Hof von England

Der Historienfilm „The Favourite“ vom griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos („The Killing of the Sacred Deer“) wurde 2018 beim Filmfestival in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, und Olivia Colman wurde mit der Coppa Volpi der besten Hauptdarstellerin belohnt. Außerdem gewann Colman vor ein paar Tagen den Golden Globe für ihre Rolle der Königin Anne (1665 - 1714). Am Anfang des Films wird die Geschichte nicht zeitlich situiert, so dass man als Nichtkenner der britischen Chronologie Probleme hat, sich an das Zeitgeschehen vom Anfang des 18. Jahrhunderts zu gewöhnen sowie an die vielen Figuren, deren Charakterisierung oft spät geschieht.

Die Freundin der Königin

Die Königin hat eine treue Freundin und Beraterin, Lady Sarah Churchill, Herzogin von Malborough (Rachel Weisz). Diese leitet eigentlich die royalen Geschäfte, oft im Geheimen, da die Queen unter Gicht leidet und im Bett liegt. Sarahs Mann John (Mark Gatiss) ist der Heerführer der königlichen Armeen im Krieg gegen die Franzosen, der dem Land schwer zu schaffen macht, besonders wenn es heißt, neue Gelder für den bewaffneten Konflikt aufzutreiben. Oppositionsführer Robert Harley (Nicholas Hoult) ist daher nicht immer „amused“. Dann taucht Abigail Hill (Emma Stone) am Hof auf. Sie hofft, da sie eine Cousine von Sarah ist, eine Stellung am Hof zu ergattern. Doch erstmal muss sie die Drecksarbeiten erledigen. Heimlich trägt sie der Queen eine selbstgemachte Kräutersalbe auf die kranken Stellen auf, was ihr zuerst Ärger einbringt, dann aber den Dank der Königin, die sie zu ihrer Kammerzofe befördert. Langsam aber sicher schleicht sie sich tief in die Gunst von Anne ein und macht sich Sarah zur Feindin.

Stilistisch interessant

Kameramann Robbie Ryan benutzt in vielen Szenen das eigentlich im Kino verpönte Fischauge-Objektiv, mit dem man gekrümmte Aufnahmen machen kann. So dehnen sich die Gesichter der Adligen im Halbkreis, Flure im Palast krümmen sich. Die gepuderten und geschminkten Menschen mit Perücken sehen grotesk aus, wie auch das Ambiente, zum Beispiel bei einem Gänserennen. Diese skurrilen Aufnahmen zusammen mit extrem witzigen ironischen Dialogen überraschen positiv, sorgen für eine vergnügliche erste Hälfte des fast zweistündigen Films und lassen den seriösen politischen Hintergrund vergessen.

Dann wird die Geschichte ernster. Abigail versucht Sarah aus dem Weg zu räumen, und ihr sind alle Mittel recht. Regisseur Lanthimos kann den anfänglichen Rhythmus nicht beibehalten, das Fischauge wird nicht mehr benutzt, und die sarkastischen Wortspielereien verpuffen. Am Ende bleibt ein pompöses Historienspektakel mit zeitgemäßen Kostümen, einer oft bizarren Musik, unter anderem von Luc Ferrari - im Abspann singt Sir Elton John „Skyline Pigeon“- und einem passenden Umfeld (unter anderem wurde im Hatfield House im Hertfordshire gedreht). Der Film wird von drei überragenden Schauspielerinnen getragen, allen voran Olivia Colman. Sie spielt vorzüglich eine kränkelnde Königin, die zudem ihren 17 Kindern nachtrauert, die Fehlgeburten waren oder früh gestorben sind, die sie durch genauso viele Kaninchen ersetzt hat.