LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Umweltministerin Carole Dieschbourg strebt nationale Strategie für „Urban Farming“ an

Los ging es, als es den US-Großstädten vor Jahrzehnten am dreckigsten ging, als ganze Stadtviertel und ihre Bewohner verarmten und schlicht verkamen. Die Folge waren trostlose Trümmergrundstücke und Wohlfahrtssuppenküche. Irgendwann hatte jemand die Idee, aus der Not eine Tugend zu machen, die Ruinenlandschaft wurde besetzt - mit Gemüsebeeten, die gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden und nicht nur dem Auge, sondern auch dem Magen gut taten. Auf eingezäunte Grundstücke flogen „Samen-Bomben“, um Blumenwiesen mitten im Elend wachsen zu lassen. Das „Guerilla Gardening“ war geboren. Stadtväter erkannten bald den positiven Einfluss auf Problemviertel und aus den illegalen Gärten wurden bald geduldete oder geförderte Projekte - aus „Guerilla Gardening“ wurde „Urban Gardening.“ Die Idee pflanzte sich weltweit fort, egal ob als grüne Ader auf einer stillgelegten Hochbahnstrecke quer durch New York City oder als Gartenkooperative in einer anderen Großstadt. Selbst in der Großregion gibt es Beispiele für erfolgreiches „Urban Gardening“, so hat sich die Stadt Andernach bei Koblenz zur „essbaren Stadt“ erklärt.

Vom Stadtgarten zur Stadtfarm

Die Steigerung des „Urban Gardening“ ist das „Urban Farming“, also eine Professionalisierung des Gemüse- und Obstanbaus als Teil der landwirtschaftlichen Produktion. Was aber wohlgemerkt nicht das Ende der genossenschaftlichen Gärten und der Kooperation unter den Einwohnern sein soll. Da regionale Produktion immer stärker nachgefragt wird, müssen in einem flächenarmen Land wie Luxemburg neue Wege eingeschlagen werden.

Im Vorfeld einer Konferenz mit 380 Teilnehmern, die sich gestern unter dem Titel „Living City“ mit den Themen „Urban Farming“ und Gebäudebegrünung befasste, stellte Umweltministerin Carole Dieschbourg (déi gréng) gestern den Weg zu einer nationalen Strategie für „Urban Farming“ vor. Seit zwölf Monaten wird daran gearbeitet und im Rahmen eines Fünfjahresplans soll die Strategie auf allen Ebenen durchgespielt und in zahlreichen Pilotprojekten getestet werden. In den Städten Luxemburg, Esch/Alzette, Düdelingen und Bettemburg sowie in verschiedenen Gewerbezonen werden erste Projekte umgesetzt. Schon bestehende „Urban Gardens“ sollen in das Projekt integriert werden. Das besondere an Dieschbourgs Vorgehen ist, dass Luxemburg als erstes Land eine nationale Strategie für „Urban Farming“ schaffen will. Mit dem „Urban Farming“ können mehrere Aufgabenbereiche wie Ökonomie, Ökologie und sozialer Zusammenhalt abgedeckt werden. Dabei werden sowohl Gemeinschaftsgärten und Genossenschaften als auch kommerzielles „Inhouse-Farming“ jeweils ihre Rolle spielen. Gewächshäuser auf den Dächern von Neubauten sind keine Zukunftsmusik mehr, sondern sollen bald zur Normalität werden.

Dieschbourg hat eine kunterbunt besetze Arbeitsgemeinschaft - Neobuild, IMS, CELL, Green SURF und CDEC - aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammengestellt, um mit der Unterstützung weiterer Akteure, den Weg zu einer Nationale Strategie „Urban Farming“ zu koordinieren und das Papier am Ende redaktionell zu gestalten.

Regionale Äpfel sind gefragt

Ganz praktischer Anlass ist für Dieschbourg die Tatsache, dass nur drei Prozent des luxemburgischen Obst und Gemüses im Inland produziert werden, wo die Zahl vor zehn Jahren noch bei einem Prozent lag, die Bürger aber regionales Obst und Gemüse wollen. Dieschbourg meinte etwas plakativ, dass so auch mehr Grün in die „Graue“ Stadt kommt - dabei leben Bienen heute schon lieber in den Städten, als auf den Flächen der industrialisierten Landwirtschaft. Die Ministerin hat insofern Recht, dass die Städte neben den Parks und Privatgärten noch ein erhebliches Potenzial an Flächen für eine landwirtschaftliche Nutzung im weitesten Sinne haben, von Baulücken und Hinterhöfen bis zu leeren Flachdächern. Selbst senkrechte Nutz-Gärten an Häuserwänden sind technisch kein Problem mehr. Das für den urbanen Landbau nötige Wasser kann aus Regen oder recyceltem Abwasser gewonnen werden.

Schon jetzt kommt die Idee in der Öffentlichkeit gut an. Beim Zusammentreffen mit Hunderten Schülern sei sie immer gefragt worden, so Dieschbourg, ob die Schulen ihr Gemüse nicht selbst anbauen können. Man wird sehen.