LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Eine neue Ausstellung in der Villa Vauban widmet sich der Aktmalerei um 1900

Plakeg! Bereits der Titel der neuen Ausstellung in der Villa Vauban dürfte seine Wirkung nicht verfehlen und für Aufmerksamkeit oder zumindest Neugierde sorgen. Der Schwerpunkt wird auf die Aktmalerei um 1900 gelegt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzieht sich in der Tat ein grundlegender Wandel in der Auffassung des Aktes. Und nicht nur hier zeichnen sich Veränderungen ab, auch ein allgemein neues Körpergefühl - und damit gleichzeitig Körperbild - entsteht. Die Schau „Plakeg!“ präsentiert letztlich eine Epoche im Umbruch.

„Die Darstellung des nackten menschlichen Körpers gibt es natürlich seit der Steinzeit, doch um 1900 beginnen avantgardistische Künstler in Paris sich von dem Vorwand - religiöser oder historischer Kontext etwa - zu befreien, den es brauchte, um unbekleidete Körper darzustellen“, erklärt Ausstellungskuratorin Maité Schenten. Sie redet in diesem Kontext von einer „ästhetischen Revolution“. Dargestellt werde nämlich „nicht mehr die traditionelle Venus, in einem wunderschönen Körper“. Einer der Wegbereiter war Édouard Manet, der 1863 mit seiner berühmten „Olympia“ schockierte, einerseits wegen der ganz neuen, nicht mehr idealisierten Darstellung des Körpers, und anderseits weil die abgebildete Person eine bekannte Prostituierte war.

Aufkommende Freikörperkultur führt zu Wandel

„Zu dieser Zeit kommt ein ganz neues Körpergefühl auf, die Freikörperkultur entsteht, in der es an sich darum geht, seinen Körper neu zu erfahren. Auf vielen Ebenen kommt es demnach zu einem Wandel, der letztlich bewirkt, dass ein völlig neues Körperbild entsteht“, erläutert die Kuratorin. In der Kunst führt dies dazu, dass immer mehr Künstler unbekleidete Körper ohne jede Verschönerung und befreit von der Beschränkung auf religiöse, mythologische oder historische Motive malen. Darüber hinaus werden die dargestellten Personen nicht mehr in der klassischen steifen Position wiedergegeben, sondern in natürlichen Posen, oft liegend. Der weibliche Akt steht in „Plakeg!“ zwar im Vordergrund, es finden sich aber durchaus auch männliche Akte.

Wie erwähnt ging der Impuls für diesen Wandel von Paris aus, insbesondere von der 1868 gegründeten „Académie Julian“, die im Gegensatz zur „Académie des Beaux-Arts“ auch ausländische Schüler und Frauen zuließ. Darüber hinaus durften Frauen den Künstlern an dieser privaten Kunstakademie nackt Modell stehen. Auch der Künstler Lovis Corinth (1858-1925), auf den die Villa Vauban ihren Schwerpunkt legt, hat die „Académie Julian“ besucht und dort die Aktmalerei erlernt. „Nackte Körper wurden zu seinem Markenzeichen“, so Schenten. Neben Max Slevoght und Max Liebermann, die ebenfalls in der Schau zu sehen sind, gehört er zu den drei großen deutschen Impressionisten.

Corinth nutzt verschiedene Techniken und bietet unterschiedliche Varianten des Aktes, von der Modellstudie im Atelier über den ironischen Blick auf die Antike bis hin zu sinnlich-intimen Szenen. Seine Ölgemälde malt er mit schnellen Pinselstrichen und benutzt viel Farbe, sodass dicke Schichten entstehen. Die Konturen sind weniger deutlich. Auch für die Aquarelle braucht er wenige Striche, um die Figur anzudeuten.

Als zu radikal empfunden

„Nach seiner Zeit in Paris traf Corinth in München auf Widerstand. Man weigerte sich seine Bilder auszustellen, weil sie als zu radikal empfunden wurden, weshalb es ihn nach Berlin zog, wo seine Werke enthusiastisch empfangen wurden“, erzählt die Kuratorin. Eines dieser Bilder war das Werk mit dem Titel „Bacchanale“ (1896). Es zeigt unbekleidete Menschen im dionysischen Rausch während eines Fests zu Ehren des Bacchus‘. „Das Bild war ein großer Schock. Die Münchener Bohème sah sich kritisiert“, bemerkt sie. „Plakeg!“ zeigt eine Reihe weiterer Bilder von Zeitgenossen, die damals als skandalös empfunden wurden.

Große französische Namen finden sich ebenfalls, so etwa Auguste Renoir, Auguste Rodin oder Edgar Degas. Gelegentlich fühlt man sich als Besucher fast wie ein Voyeur, wenn man sich etwa die Lithografie „La toilette“ (1893) von Henri Gabriel Ibels, „Liegender Akt mit braunen Strümpfen“ (1913) von Albert Weisgerber oder die „Schlafende“ (1912) von Corinth anschaut. Auch erotisch-provokante Bilder fehlen nicht, beispielsweise die Radierung mit dem Titel „Le bas bien ajusté“ von Manuel Robbe.

Losgelöst vom Schönheitsideal

Dass sich der Akt um 1900 im Wandel befand, verdeutlicht indes bereits das Gemälde, das auch die Ausstellungsplakate ziert: Albert Weisgerbers „Liegende (Miss Robinson)“ (1910), für das Manets „Olympia“ die entscheidende Inspirationsquelle war. Allerdings unterscheidet sich Weisgerbers Model durch das Alter und die Hautfarbe radikal vom Vorbild. „Miss Robinson“ ist eine schwarze Bedienstete, hat ein gewisses Alter und wird schonungslos mit Hautfalten, Bauchansatz, hängenden Brüsten und Doppelkinn dargestellt. „Weg vom Vamp, von der Femme fatale, von der verführerischen Frau, die sozusagen allgemeingültig ist, zu einem mehr und mehr naturalistischen, individualisierten Bild der Frau“, beschreibt die Konservatorin Gabriele Grawe das veränderte Körperbild in der Kunst um 1900.

Ein weiterer Raum ist derweil der Aktfotografie gewidmet. „In den 1870er Jahren entwickelte etwa Eadweard Muybridge die Technik der Serienfotografie, wodurch sich Bewegungsabläufe in aufeinanderfolgende Momentaufnahmen zerlegen ließen“, erklärt Schenten. Im starken Kontrast dazu stehen die sehr künstlerischen Fotografien von Edward Steichen, der sich wiederum um 1900 deutlich von den klassischen Posen wegbewegt und die Körper ganz mysteriös und verschwommen darstellt.

Der letzte Raum ist den luxemburgischen Künstlern vorbehalten, insbesondere Jean Schaack und Joseph Kutter, die den deutschen Expressionismus - eine Generation nach Corinth - während ihres Kunststudiums in München kennenlernten. So wird etwa in den in der Villa Vauban ausgestellten, liegenden Akte der beiden Künstler von 1919 der Einfluss von Cézanne deutlich. Ein komplett restauriertes, großformatiges Werk von Corneille Lentz, - ein beinahe in Vergessenheit geratener Luxemburger Maler - erstrahlt unter dem Titel „Triptychon von Adam und Eva“ (1935) ebenfalls in neuem Glanz.

Die Ausstellung kann bis Mitte Juni besichtigt werden. Weitere Infos und Begleitprogramm unter www.villavauban.lu