COLETTE MART

Das Szenario, das derzeit im Zusammenhang mit dem Sahel-Land Mali Schlagzeilen macht, kommt uns bekannt vor. Europäische Streitkräfte, genauer gesagt französische, greifen mit Zustimmung der UNO in einen politisch-militärischen Konflikt ein, der rebellische Tuareg und radikale Islamisten impliziert; letztere schüren weltweit Angst und in Paris wurde mittlerweile den Krisenplan „Vigipirate“ ausgerufen. Paris befürchtet islamistische Attentate, da es Mali militärische Hilfe gegen islamistische Rebellen zukommen ließ. Mali registriert jedoch neben separatistischen Rebellen ebenfalls einen Militärputsch, der einem demokratischen Regime ein Ende setzte. Die politische Situation bleibt also für europäische Beobachter verworren, die Fronten und Allianzen sind vielfach unklar, wie so viele Dinge, die Afrika betreffen, vielleicht ja deswegen, weil wir in Afrika nie wirklich genau hinsehen wollen.

Hier und jetzt aber schaut die ganze Welt auf Mali, sowie sie auch jahrelang auf Afghanistan, respektive auf die Golfregion schaute, und es ist eine Tragödie, dass Mali vor allem durch diesen Krieg, und durch die militärische Intervention Frankreichs die Weltöffentlichkeit interessiert. Mali war nämlich vor diesen kriegerischen Auseinandersetzungen eine Demokratie, was in Afrika eher selten, aber beispielhaft ist. Das Land hat Goldvorkommen, die zukunftsträchtig sind, sowie Kulturdenkmäler, die Touristen aus der ganzen Welt hätten anziehen können. In Mali gab es Potential und Entwicklungshilfe, auch von Luxemburger Seite. Mali hätte Zuwendung und Unterstützung gebraucht, Hilfe zur Selbsthilfe, denn die Alphabetisierung liegt unter 50% und betrifft vorwiegend die männliche Bevölkerung. Nur ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser, die Lebenserwartung liegt bei 48 Jahren, weibliche Genitalverstümmelung betrifft 90% der Frauen, die im Durchschnitt sechs Kinder bekommen. Nichtregierungsorganisationen waren vor Ort, viele brachen aber angesichts der Auseinandersetzungen ihre Hilfe ab.

Die Leidtragenden der politischen Auseinandersetzungen ist natürlich die zivile Bevölkerung; 250.000 sind auf der Flucht, die internationalen Helfer wurden vielfach abgezogen, Entwicklungsprojekte gestoppt, wirtschaftliches Potential im Keim erstickt.

Amnesty International Luxemburg berichtete bereits vor den Menschenrechtsverletzungen, die in Mali festgestellt wurden. Kindersoldaten werden von den Islamisten rekrutiert, dies geschieht meistens durch Kidnapping, und diese Kinder werden für Mord und Folter missbraucht. Darüber hinaus droht bei einem Konflikt wie jenem in Mali auch sexuelle Gewalt gegen Frauen, die in einer Kriegssituation verheerende Ausmaße annehmen kann. Amputationen, Folterungen und Steinigungen wurden als Strafaktionen in den Kriegsgebieten bereits von Amnesty International angeprangert. So weit, so gut. In Mali musste es islamistische Rebellen geben, damit die Weltöffentlichkeit sich für ein armes Sahel-Land interessiert. Der Westen ist jetzt mit Waffen vor Ort, und hätte prinzipiell so viel mehr zu bieten. Zum Beispiel wirtschaftliches „Know-how“ im Aufbau eines Landes mit großem Potential, Kompetenzen im Aufbau von Verwaltungen und Kliniken, sowie Unterstützung der Demokratie, der Erziehung, der Kultur, der Menschenrechte. Der Kampf gegen Armut und Unterentwicklung ist nämlich das effizienteste Mittel gegen drohende politische Radikalisierung und kriegerische Auseinandersetzungen in den armen Ländern der Welt.