NORA SCHLEICH

Wann kann ich sagen, dass ich weiß?

Der Skeptizismus ist eine philosophische Denkrichtung, nach der die Skepsis die Grundlage aller Wissensbezüge darstellen muss. Der antike Grieche Agrippa gilt als Verfasser der wesentlichen Beweisführung dafür, warum das Erfassen des Wahren oder des absolut Wirklichen prinzipiell nicht möglich sein kann. So lehrt der Skeptizismus vor allem, dass keine zufriedenstellende Rechtfertigung für Erkenntnisaussagen geliefert werden kann. Einfach ausgedrückt, keine unserer Behauptungen der Form: „Ich weiß das....“ oder „ich weiß das, weil....“ kann ausreichend begründet werden. Interessant ist dies vor allem im Alltag, wenn wir Menschen begegnen, die sich ihrer Sache so dermaßen sicher sind, dass es ihnen wie Schuppen von den Augen zu fallen scheint, wenn man sie nach dem Grund oder der Erklärung ihrer Behauptung fragt. Auf die Frage nach dem Woher des vermeintlich Gewussten, folgt eine Antwort, die den Grundsätzen des Agrippa nicht standhalten kann. Sie werden sehen, dass das skeptische Argument nahezu alle Diskussionen ins Wanken bringen kann. Wie rechtfertigen wir meistens unser vermeintliches Wissen? Von Agrippa sind drei seiner Argumente, die den Grund für die Zweifelhaftigkeit unserer Behauptungen erklären, am bekanntesten.

Dieses Trilemma liest sich wie folgt:

1. Regress ad infinitum: Jeder Satz wird mit einem Satz begründet, der ebenso wieder einen Satz benötigt, der ihn begründet, welcher wiederum mit einem weiteren Satz begründet werden muss, und so weiter. Es ergibt sich eine unendliche Fragekette, die nicht aufzulösen ist. Da ein unendliches Ensemble an nicht ausreichend zu rechtfertigenden Aussagen kein wirkliches Fundament für eine haltbare Begründung sein kann, kann diese Position die Frage nach dem Grund des ‚Gewussten‘ nicht beantworten.

2. Dogmatismus: Eine Argumentation wird mit einer festgelegten, fundamentalen Grundaussage belegt, die nicht in Frage zu stellen ist und einfach als wahr und unabhängig von weiterer Begründungsnotwendigkeit angesehen wird. Aber ist eine bloße Annahme ein wahrer Grund? Wenn es nichts gibt, was diesen Grund rechtfertigen oder stützen könnte, ist es dann eine vernünftige Idee, sich auf diesen zu verlassen? Etwas, das selbst nicht beweisbar ist, soll Beweis für ein Weiteres sein? Und selbst wenn eine sehr starke Grundaussage gefunden werden könnte, die eventuell als Fundament meines Wissens gelten könnte, inwiefern könnte sie eine Rechtfertigung für alle (!) meine anderen Annahmen über das Wahre sein?

3. Zirkelschluss: Eine Art Teufelskreis der Beweisführung. Das zu Beweisende ist in den Voraussetzungen, die es beweisen sollen, bereits enthalten. Es gilt also hier eine Art großes Netz an Erklärungen anzunehmen, die sich gegenseitig stützen sollen. Somit ist die einzelne Erklärung nicht zufrieden stellend und ergibt sich nur als bestmögliche Annahme in einem spezifischen Kontext. Die Behauptung, dass der Blinde nicht sehen könne, damit zu rechtfertigen, weil ihm das Sehvermögen fehle, und dass ihm das Sehvermögen fehle, weil er blind sei... kann in diesem Fall als Beispiel gelten. Dies dreht sich unsinnig im Kreis und kann keine sichere Garantie für den Wahrheitsgehalt einer Aussage liefern.

So lautet die Schlussfolgerung des skeptischen Agrippa, dass wir keine unserer Meinungen ausreichend rechtfertigen können. Da aber nur das, was sich ausreichend rechtfertigen lässt, als wahr gelten kann, bedeutet dies, dass wir niemals sicher sein können, dass das, was wir als wahr annehmen, auch tatsächlich dem Wahren entspricht.

Der philosophische Skeptizismus ist von herausragender Bedeutung für die Entwicklung der Erkenntnistheorie. Aber das ständige Infragestellen des absoluten Skeptizismus hat sich im Alltäglichen nicht halten können. Der gesunde Alltagsskeptizismus jedoch, der ein auf rationellen Kriterien gründendes kritisches Hinterfragen angeführter Behauptungen meint, trägt durchaus zur Verbesserung der Qualität der Medieninhalte, der übermittelten Informationen und der Meinungsbildung des Einzelnen bei. So gilt es in der alltäglichen medialen Informationsflut nach den Begründungen der Aussagen zu fragen, nach den Grundlagen von Anschuldigungen, und nach der Plausibilität einiger Äußerungen, die einen von öffentlicher, wie von privater Seite her, manchmal nahezu zu überfallen scheinen. Wenn Sie sich für das Problem des wahren Wissens oder Skeptizismus interessieren, kann ich Ihnen zwei Werke empfehlen. Dies wäre „What is this Thing called Knowledge?“ von Duncan Pritchard (2006) und „Der Begriff des Skeptizismus“ von Dietmar Heidemann (2007).

Frohes Skeptizieren!