COLETTE MART

Der Jahresbericht des „Comité de Surveillance du Sida“ bedeutet für unser Land immer einen Moment des Nachdenkens. Er rührt an die Geschichte der tragischen Immunkrankheit, die erstmals 1981 die Welt aufrüttelte, und die sehr eng mit Stigmatisierung, Diskriminierung, und Homophobie verbunden war. Der weltweite Einsatz gegen die Krankheit begriff neben der medizinischen Forschung ebenfalls die Sensibilisierung aller Gesellschaften für das humanistische Anliegen der Entstigmatisierung, und selbstverständlich die Prävention der Ansteckung.

Ein komplexes Unterfangen demgemäß, das hier in Luxemburg exemplarisch gemeistert wurde. Die engagierte Begleitung und Betreuung von Aids-Kranken und HIV-Infizierten ist bei uns ohne Zweifel ein Bereich, in dem wir die Humanisierung der Luxemburger Gesellschaft weitergebracht haben. Die weitere gute Nachricht ist jene, dass HIV-Infizierte, insofern sie die richtige medikamentöse Behandlung bekommen, sich stabilisieren und ein ganz normales Leben führen können, unter der Bedingung, dass Familie und Freunde die Krankheit akzeptieren und den Betroffenen nicht diskriminieren.

Trotz all dieser Fortschritte in der medizinischen Betreuung und in der Integration der betroffenen Menschen in der Gesellschaft macht die Lektüre des Jahresberichts zum HIV in Luxemburg traurig. Es gab 98 Neuinfektionen, was eine schlimme Diagnose bleibt, insbesondere für junge Menschen, ein Schatten, der sich über ihr junges Leben legt und sie prägen wird. Im Falle einer neuen Bekanntschaft oder einer Liebesbeziehung wird sich nämlich immer die Frage stellen, in wie fern der Betroffene jetzt von seiner Krankheit spricht, oder nicht. Wichtig ist in erster Linie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem HIV, was bedeutet, dass man auf keinen Fall das Risiko eingehen sollte, einen anderen Menschen anzustecken. Dies ist mit Kondomen einfach. Und doch gab es 98 Neu-Infektionen, zum großen Teil durch sexuellen Kontakt; allerdings werden auch 21 neue Patienten durch Drogenkonsum gezählt, und zwei durch den Kontakt mit infiziertem Blut. Die Drogensucht ist oft gepaart mit gesellschaftlichem Ausschluss, Obdachlosigkeit, was demnach bedeutet, dass einige jener Menschen, die auf der Straße leben, auch HIV-infiziert sind. Des Weiteren wissen voraussichtlich 13 Prozent aller HIV-Infizierten in unserem Land gar nicht, dass sie das Virus in sich tragen und andere anstecken können. Soviel also zur Dramatik in unserem Land, wo das Problem HIV multidisziplinär angegangen werden muss, und medizinische und psychologische Betreuung nicht ausreichen, wenn soziale Auffangstrukturen für Betroffene fehlen.

Trotz alldem wäre zu sagen, dass weltweit die medizinische Versorgung von Aids-Patienten besser wird, und dass in den meisten Ländern der Stigmatisierung entgegengewirkt wird. Auch in Afrika, jenem Kontinent, der am meisten betroffen ist, und wo Polygamie, jedoch auch Gewalt gegen Frauen, Tabuisierung und Genitalverstümmelung die Ausbreitung der Seuche eher fördern, gibt es jetzt Bewegungen, die aufklären und sensibilisieren.

Es besteht also Hoffnung, aber es bleibt immer noch sehr viel zu tun.