PATRICK WELTER

Bei den deutschen Nachbarn ist das Verheizen von Parteivorsitzenden bisher eine sozialdemokratische Tradition. Von Kriegsende bis 1991 kam die SPD mit vier (!) Vorsitzenden aus, danach sank die Halbwertzeit rapide. Was zuletzt Andrea aus der Eifel erleben musste. Motto: Das Schiff sinkt, also schmeißen wir den Kapitän über Bord. Neu ist, dass die Sache auch bei der CDU Schule macht. Zuerst galt AKK als Merkel 2.0 mit der Garantie zum Überleben im Kanzleramt. Jetzt wetzt man schon die Messer.

Der aktuelle Einbruch der Beliebtheit von AKK beruht auf einem Missverständnis. Annegret Kamp-Karrenbauer ist eben keine Merkel. Beliebigkeit, also Demoskopie statt Ideologie, ist nicht ihr Ding. In sozialen Fragen steht AKK der katholischen Sozialbewegung nahe, etwas anderes wäre im Saarland auch nicht möglich. Die Öffentlichkeit hat sie im Vergleich mit Friedrich Merz, ihrem Mitbewerber um den Parteivorsitz, immer nur als Gegenpol zu dessen Marktliberalismus gesehen. Nur, in der CDU kann man sowohl eine Herz-Jesu-Sozialistin sein, als auch knallhart konservative Positionen vertreten. Wer AKKs Beiträge zur ‚Ehe für Alle‘ gelesen hatte, wunderte sich kein bisschen, dass sie einen aufmüpfigen und CDU-kritischen Youtuber ordnungspolitisch abbügeln wollte. Das ging schief. Denn seitengescheitelte Twens mit grauem Anzug und Krawatte, die in der CDU die Jugend repräsentieren, sind kein Abbild der „Social- Media“-Gesellschaft. Eine Terra incognita.

Im Vergleich mit anderen konservativen Parteien in Europa: Die französischen Republikaner und die britischen Tories sind mittlerweile einstellig. Dennoch stellt sich bald die Frage: was tun? Die Sozialdemokraten werden noch vor Jahresende von der Fahne gehen und ihr Heil in der Opposition suchen. Dann lautet die Frage: Macht Merkel Minderheitsregierung?

Neue Jamaika-Verhandlungen schließen sich aus zwei Gründen aus. Eine Kanzlerin Merkel werden Christian Lindner und die FDP nie und nimmer mittragen. Wollen die Grünen überhaupt? Im Gegensatz zu den bürgerlichen Grünen hierzulande schimmert bei den deutschen Grünen immer wieder grün lackierter Sozialismus durch. Sie hätten die Chance gehabt, in Bremen eine abgewirtschaftete SPD nach 70 (!) Jahren gemeinsam mit CDU und FDP in die Opposition zu schicken. Was macht der grüne Landesverband? Er schmeißt sich an die verfilzte SPD und die Linken ran - man könne nicht mit der FDP. Logisch, den Öko-Taliban ist alles Liberale fremd.

Der derzeitige deutsche Klima-Hype spült die Grünen in Umfragen nach oben, doch eine Ein-Thema-Partei hat noch selten Wahlen gewonnen. Wieder einmal macht die „German Angst“ Politik, anstatt das Problem sachlich zu diskutieren. Versuche, sich den Grünen als Klimaretter anzubiedern, werden die Christdemokraten im Osten mit mehr Stimmen an die AfD bezahlen. Böse Zwickmühle.

Die Lage ist also politisch und personell heikel, denn Merkel ist reif zur Ablöse. Aber die Vorsitzende jetzt abzusägen wäre ein strategischer Fehler. Es gibt aktuell nur einen Weg: Augen zu und durch.

Hätte die CDU wirklich eine moderne Politik gewollt, hätte sie Friedrich Merz wählen müssen.