LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Ein Konzert der Extraklasse: Tomatito Y Grupo in der Philharmonie

Verwöhnt sind wir schon in Luxemburg. Am Donnerstag gastierte das wunderbare Zweiergespann Joachim Kühn/Emile Parisien im Kammermusiksaal der Philharmonie, am Freitag stand der deutsche Stargeiger Frank Peter Zimmermann auf der Bühne des großen Auditoriums, auf der am Samstag der Meistergitarrist des Flamenco Tomatito auftrat, während an denselben Tagen im „Neimënster“ auch noch das neue Jazzfest „Reset“ stattfand.

Für jeden Geschmack etwas oder die Qual der Wahl? Wir hatten uns für die Variante entschieden, die auf unseren Bühnen nicht so häufig zu erleben ist, eine authentische Demonstration des spanischen Kulturerbes, das sonst leider zu oft nur mit iberischer Fiestastimmung in Verbindung gebracht wird. Der Flamencogigant Tomatito war nun schon nach Pat Metheny und Egberto Gismonti der dritte im Bunde der großen Gitarristen, die in dieser Saison in der Philharmonie auftraten.

Manitas de Plata und Paco de Lucia sind noch immer die populärsten spanischen Flamencogitarristen. Während Kultmaestro de Plata sich in späten Jahren eher auf publikumsträchtiges Tourismusambiente spezialisiert hatte, erarbeitet de Lucia sich seine Popularität hauptsächlich durch seine Zusammenarbeit mit Musikern aus der Jazzszene wie Larry Coryell oder John McLaughlin, mit dem er die berühmte Produktion „Friday Night In San Francisco“ einspielte.

Aktueller Star der Flamencoszene

Der aktuelle Star der Flamencoszene ist ohne Zweifel der 1958 geborene Tomatito, den wir noch von seinem spektakulären Auftritt im Sommer 2013 im „Neimënster“ im Duo mit dem karibischen Jazzpianisten Michel Camilo in bester Erinnerung hatten. Wie seinerzeit sein Vorbild und Mentor, der 2014 plötzlich verstorbene Paco de Lucia, bereichert Tomatito den Aufbau seiner Interpretation durch Erfahrungen, die er mit Musikern aus dem Jazzbereich sammelte. So hat er denn auch Kompositionen von beispielsweise Chick Corea oder Charlie Haden im Gepäck.

Obschon er als einer der Innovatoren des „Flamenco Nuevo“ in die Annalen einging, ist Tomatito noch immer eng mit der primären Aussage der spanischen Nationalmusik verbunden. In seiner einleitenden Solokadenz verdeutlichte er gezielt die indischen Wurzeln dieser Musikrichtung. Man muss kein Experte sein um zu merken, dass außerdem die wichtigste interkontinentale Komponente dieser Folklore arabische Zutaten sind. Spätestens bei den Einlagen der beiden vorzüglichen Sänger Morenito de Illora und Kiki Cortinas, die ungemein ergreifend und diszipliniert die tragische, einfühlsame Charakteristik des Flamenco vortrugen, wurde diese Komponente in den schönsten Farben beleuchtet. Tomatito selbst, leitete mit seinen unerwarteten Wendungen in puncto Rhythmuswechsel und Dynamik souverän das perfekte „Gesamtkunstwerk“, bei dem sein Sohn José del Tomate diskret im Hintergrund eine wichtige Rolle spielte.

Der fast 60-jährige virtuose Bandleader bot fast pausenlos vollendete Schnellfingerakrobatien ohne sterilen Perfektionismus, wobei zwischendurch melancholische, balladenartige Melodien die sensible, nostalgische Seite des Flamencostars auf einem völlig anderen Parkett beleuchteten. Immerhin gibt es laut Fachliteratur an die 100 verschiedene Arten der hohen Kunst des Flamenco.

Fesselnder Auftritt der Tänzerin Karime Amaya

Höhepunkt als Ergänzung der meisterlichen Inszenierung dieses akustischen Feuerwerks war zweifellos die visuelle Ergänzung mit dem fesselnden Auftritt der Tänzerin Karime Amaya. Mit vollendeter Körperbeherrschung verführte sie mit ihrer majestätischen Erscheinung und ihrem charismatischen Charme in eine Welt voller prickelnder aber gediegener Erotik und stimmungsvoller heißblütiger, ekstatischer Momente mit atemberaubenden „Zapateados“, Vorläufer des amerikanischen Stepptanzes. Tatkräftig unterstützt wurde die Ballerina von der treibenden Kraft im Hintergrund, dem vortrefflichen Perkussionisten Israel Suarez „El Pirana“.

Ein Konzert der Extraklasse mit Klängen, die wir kennen, an dem man nichts oder alles außergewöhnlich finden konnte, aber sicher ist, dass das wunderbar synchron agierende Sextett einen enormen Beitrag gegen die Globalisierung der gehobenen U-Musik und den schrecklichen Gedanken, dass alles in einer monotonen, fusionierten „Worldmusic“ enden wird, wenigstens temporär verscheuchen konnte.