DÜDELINGEN
SIMONE MOLITOR

„Thierry! D’Expo“ ermöglicht ein Eintauchen in das Universum von Thierry van Werveke

Wer war eigentlich dieser Thierry National? Dieser Troublemaker mit den markanten Gesichtszügen, der rauchigen und alkoholgetränkten Stimme? Johnny Chicago, Hamlet oder Rebell? Auf eine bestimmte Rolle kann man ihn nicht reduzieren, genauso wenig wie man seine Theaterkarriere und seine musikalische Laufbahn außer Acht lassen oder die dunklen Etappen seines Lebens verschweigen sollte. „Thierry! D’Expo“, die am Sonntag im „Pomhouse“ in Düdelingen eröffnet, wird Thierry van Werveke in seiner ganzen Vielseitigkeit und Ambivalenz gerecht, dafür haben die beiden Kuratoren Paul Lesch und Yves Steichen sowie die Bühnenbildnerin Trixi Weis und letzten Endes das ganze Team des CNA gesorgt. „Wir wollten Thierry in seiner ganzen Komplexität zeigen. Einerseits ist die Ausstellung demnach eine Hommage, anderseits zeichnet sie ein ehrliches Porträt“, erklärt Yves Steichen, der nicht nur Co-Kurator ist, sondern auch eine Biografie geschrieben hat.

Vom Punk zum Junkie und von Johnny Chicago zur Ikone

Die Ausstellung ermöglicht es, in das Universum von Thierry van Werveke einzutauchen und zeigt, wie das Kind aus privilegierten bürgerlichen Verhältnissen zum Punk, Junkie und Obdachlosen wird, wie sich der Aussteiger zurück ins Leben kämpft und zur nationalen Ikone wird. Ähnlich wie ein Filmstudio wurden zehn Sets aufgebaut. Jeder Ausstellungsblock ist einer prägenden Etappe seines Lebens, beziehungsweise den unterschiedlichen Aspekten seiner Karriere gewidmet. Persönliche Gegenstände, Filmrequisiten, Zeitungsausschnitte, Auszüge aus seinen Filmen sowie der Dokumentarfilm „InThierryview“ sind wichtige Bestandteile. Speziell für „Thierry! D’Expo“ wurden noch dazu eine ganze Reihe neue Interviews geführt.

Wir beginnen unseren Rundgang in Thierrys Kindheit. Der Raum ist dem Wohnzimmer der Familie van Werveke nachempfunden, man kann sich bequem aufs Sofa setzen, in dem Fotoalbum blättern oder sich einen alten Familienfilm anschauen. „Thierry stammt aus einer guten Familie. Dennoch war er von Anfang an ein kleiner Rebell“, erklärt Paul Lesch. Davon zeugt auch ein Eintrag in seinem Zeugnis: „Il faut se comporter en garçon raisonnable et non en bébé!“.

Andy Bausch verändert sein Leben

Als junger Erwachsener rutscht er in die Drogensucht ab und landet „op der Strooss“ - mit diesen Worten ist auch der zweite Ausstellungsblock überschrieben. Eine dreckige Matratze liegt auf dem Boden. Mehrere Jahre war Thierrys Leben von Kokain, Speed, Heroin und Alkohol bestimmt. „Während dieser Zeit lebte er mehrere Monate in London. Ihm wird nachgesagt, der erste Punk in Luxemburg gewesen zu sein“, weiß Trixi Weis. Von der Straßenszene geht es vorbei am „Béierbutték“ (heute „Why Not“) in Düdelingen, wo Thierry ab 1980/81 - inzwischen clean - lebte und arbeitete. „Dort lernte er Andy Bausch kennen. Diese Freundschaft hat sein Leben schließlich verändert. Ab 1982 spielt er in dessen Amateurfilmen“, erzählt Lesch.

Musiker, Schauspieler, Theaterdarsteller

Zur nationalem Ikone wird er durch den Gangsterfilm „Troublemaker“ (1988), um den ein regelrechter Hype entsteht und der gleichzeitig einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des Luxemburger Films bedeutete. In der Ausstellung wird die rasante Verfolgungsjagd über den „Aldringer“ aus dem Film auf die Frontscheibe eines Autos projiziert. „Es ist der Moment, in dem Thierry zu einem Star in Luxemburg wird. So etwas gab es bis dahin eigentlich nicht, da es vor den 1980er Jahren kein luxemburgisches Kino gab“, berichtet Lesch. „Auf sein Talent wurden andere Regisseure aufmerksam. Innerhalb weniger Jahre hat er sich deutlich weiterentwickelt. Sein Spiel wurde professioneller und vielseitiger“, fügt Yves Steichen hinzu. Auf diese Wandlungsfähigkeit, die oft vergessen werde, aufmerksam zu machen, sei ein weiteres Ziel der Schau gewesen.

Inzwischen sind wir vor einer Bühne samt Drums, Konzertplakaten, Beleuchtung und Lautsprechern angekommen. Auf dem Bühnenboden klebt eine Setlist. Ganz klar ist dieser Bereich seiner musikalischen Karriere als Sänger der Bands „Nazz Nazz“ und „Taboola Rasa“ gewidmet. Im nächsten Raum finden wir uns in der intimen Atmosphäre einer Künstlerloge wieder. Bereits 1987 kam Thierry in kleineren Auftritten mit dem Theater in Kontakt, eine wesentliche Rolle nimmt die Theaterwelt aber erst später ein. Vor dem Spiegel liegt das Textbuch seines letzten Stücks „Fënsterdall“ (2008). Die Rolle hat er nur ein einziges Mal gespielt. Nach dem Premierenabend ging Thierry ins Krankenhaus und kehrte nicht mehr zurück.

Alkohol als ständiger Begleiter

Eine Verschnaufpause kann man wenige Schritte später in einem Kinosessel vor der Leinwand einlegen, um den Schauspieler in ernsten und komischen Rollen in einer Auswahl seiner Film zu erleben, bevor es weiter „behind the scenes“ geht, wo mit dem Interview von Til Schweiger und dessen Erzählungen aus der Zeit von „Knockin‘ on Heaven’s Door“ sicherlich ein kleines Highlight wartet. „Hinter den Kulissen“ wird dann auch die Alkoholabhängigkeit des Künstlers konkreter thematisiert. „Wir wollten die Komplexität dieses Problems während seines ganzen Lebens zeigen und auch verdeutlichen, was es letztlich bedeutete, mit einem alkoholabhängigen Schauspieler zu arbeiten. Die Toleranz in Luxemburg war viel größer, wogegen ausländische Produzenten zögerten, ihn zu engagieren. Seine Karriere hätte anders verlaufen können, wenn er keine Alkoholprobleme gehabt hätte“, vermutet Steichen.

„Thierry ist immer eine ambivalente Persönlichkeit geblieben, er befand sich stets zwischen Rebellentum und Akzeptanz, ja, er war eine Art akzeptierter Rebell. Privat aber führte er ein sehr luxemburgisches Leben“, sagt Lesch. Dieses „Doheem“ ist dann auch Thema des letzten Ausstellungsraums.

Die Ausstellung läuft vom 4. Juli bis 31. Dezember. Der Eintritt ist frei.