LUXEMBURG
BODO BOST

Am 14. September 1920 starb der Luxemburger Ingenieur Albert Becker, Direktor der belgischen Petroliumfirma Akhwerdoff & Cie, in einem bolschewistischen Gefängnis in Grosny im Kaukasus in den Wirren des russischen Bürgerkriegs

Wenig bekannt ist in Westeuropa, dass die Industrialisierung des Zarenreichs ab 1870 hauptsächlich ein Werk westeuropäischer Ingenieure war, besonders stark vertreten darunter waren vor allem belgische und in ihrem Gefolge auch einige Luxemburger Ingenieure. Sogar der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow gab einmal zu, dass er noch vor 1914 Arbeiter geworden war in einem Unternehmen des Belgiers Evence Coppée im Donetzgebiet.

Dass in dem eigentlich eher agrarisch strukturierten Russland 1917 eine Arbeiterrevolution ausbrach, dazu haben nicht so sehr Lenin und Stalin die Vorarbeit geleistet, sondern die zahlreichen, vor allem belgischen Unternehmen, die zuvor ein Millionenheer von russischen Arbeitern in ihren Fabriken eingestellt hatten.

Um die Fabriken zu planen und zu bauen, waren seit 1880 Heere von belgischen Arbeitern und Ingenieuren nach Russland gezogen, insgesamt 20.000 sollen es um die Jahrhundertwende vom 19./20. Jahrhundert gewesen sein. Belgische Firmen waren in fast allen Bereichen tätig, angefangen jedoch hatten die belgischen Investitionen beim großen Boom des Eisenbahnbaus in diesem riesigen Land, seit 1860.

Nach den Eisenbahnen kamen die Straßenbahnen in den Großstädten und dann die Hüttenwerke und die damit verbundenen Zulieferindustrien. In der Hochphase des Industrieaufbaus gab es eine komplette belgische Infrastruktur in manchen Gebieten Russlands, vor allem im heute zwischen Russland und der Ukraine umkämpften Donetzgebiet, mit belgischen Handwerkern, Ärzten, Advokaten und sogar katholischen Kirchen. Von hier aus entstanden aber bald danach andere Zentren im Ural, im Süden Russlands und im Norden um St. Petersburg und im Baltikum, das bis 1918 zu Russland gehörte.

Eine Luxemburger Petroleum-Kolonie in Tschetschenien

1812 war zunächst Georgien und 1828 Aserbaidschan von Russland annektiert worden, der bergige Kaukasus aber blieb bis 1870 Rebellengebiet um das Kalifat des Dagestaners Schamil. Die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, in deren Nähe Öl an der Erdoberfläche zutagetritt, gilt als erstes großes Erdölvorkommen der Welt, das bereits um 600 v. Chr. entdeckt wurde. Mit dem Beginn der industriellen Entwicklung in Russland erhielten die Ölvorkommen von Baku eine wichtige Rolle. 1844, also 15 Jahre vor den USA, erbohrte der russische Ingenieur F. N. Semyenov eine Ölquelle im auch heute noch genutzten Ölfeld von Bibi-Eibat am Kaspischen Meer. Dies war das älteste in Förderung stehende Ölfeld der Welt. 1871 begann die Erschließung der Ölvorkommen in großem Maßstab. Vor allem in der zivilen und militärischen Schifffahrt wurde Öl gebraucht. Insbesondere Belgier und Engländer stiegen in diesen Industriezweig ein. Bis 1913 wurden in der Umgebung von Baku rund 3.500 Erdölbohrungen niedergebracht. Auch in Tschetschenien wurden trotz Bürgerkrieg die ersten Ölfelder bereits 1833 entdeckt. In der Nähe von Grosny war 1892 das erste Erdöl in geringer Menge gefördert worden. Bis 1917 sprudelte es schon aus 386 Bohrlöchern für belgische, französische und britische Verarbeitungsfirmen, 17 Prozent der gesamten russischen Erdölproduktion. 1896 wurde die Firma „PÉTROLES DE GROSNYI, Société anonyme belge“ unter der Leitung des belgischen Multi-Unternehmers Joseph Waterkeyn in Antwerpen gegründet. Die internationale Ölkonglomerat kaufte 66 Ölfelder der älteren russisch-armenischen Gesellschaft Akhwerdoff.

Der Armenier Vladikavkaz Haqverdiyev (Hakhverdyan), war der eigentliche Pionier der kaspischen und kaukasischen Ölförderung. Das neue belgische Konglomerat übernahm das Ölförderunternehmen von Akhwerdoff in Grosny und nannte sich ab sofort: „I. A. Akhwerdoff & Cie., Société de Grosny pour l‘Industrie des Pétroles sous la raison I. A. Akhwerdoff & Cie“. Obwohl sich die Gesellschaft ihre Statuten nach russischem Recht gab, war sie von Anfang an in belgischer Hand. Jährlich förderte das Unternehmen zwischen 350 – 500 Tausend Tonnen Erdöl. Das neue Unternehmen war einer der Börsenrenner der damaligen Zeit in Europa. Unter dem Personal, das Joseph Waterkeyn seit Beginn des 20. Jahrhunderts einstellte, befanden sich Luxemburger in führender Position.

Einer davon war der Stadtluxemburger Albert Becker (1870-1920). Er hatte nach dem Abitur am Athenäum in Löwen Ingenieurwesen studiert und 1891 einen sehr guten Abschluss gemacht. Seit dem 1. März 1904 war er in Russland tätig, zunächst bei den Hochöfen in Michega bei Tula. Ab 1908 wurde Albert Becker Generaldirektor der belgischen Petroliumfirma Akhwerdoff in Grosny. Nach Becker kamen noch eine Reihe weiterer Luxemburger Ingenieure nach Grosny. Der wichtigste davon war Nicolas Raus aus Altwies, der den Posten des „Director of Sources“ der „Grosnyi Company for the Industry of Petroleum“ belegte. Dazu kam der Geologe Dr. Michel Lucius (1876-1961), der später der Vater der Luxemburger Geologie wurde, der Ingenieur J.P.Bartel aus Rümelingen und Jean Raus (1866-1927), der ältere Bruder von Nicolas, der seinem Bruder nach Grosny gefolgt war, wo er Leiter der Pumpstation der Pipeline wurde, die Grosny mit Petrovsk am Kaspischen Meer verband.1

Bürgerkrieg mit großer Gewalt

Das Ölgeschäft lief gut bis zur Russischen Revolution, die im Februar 1917 zum Sturz des zaristischen Regimes und im Oktober desselben Jahres zur Machtergreifung durch die Bolschewiki führte. Das Land erlebte nun einen Bürgerkrieg mit großer Gewalt. Die Bolschewiki stellten sich den weißen Armeen entgegen. Der Konflikt wurde von einem Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und einer großen Hungersnot begleitet. In diesem Klima großer Spannungen und wirtschaftlicher Prekarität verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Nicolas Raus und seinem Vorgesetzten Albert Becker, das seit einiger Zeit angespannt war. Raus hatte seine junge Familie bereits 1914 nach Luxemburg zurückgeschickt. Der Konflikt drehte sich darum, dass die Geschäftsführung nicht bereit war Nicolas Raus Sicherheiten für sich und seine Familie für den Todesfall zu geben. Im Jahre 1918 kamen noch finanzielle Probleme der Firma hinzu.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges gingen alle Luxemburger in ihre Heimat zurück. In Russland aber folgten auf den Krieg ein weit schlimmerer Bürgerkrieg und die Spanische Grippe, der weitaus mehr Menschen zum Opfer fielen als im Weltkrieg. Im Kaukasus kämpften zudem auch irreguläre türkische, persische, georgische und armenische Einheiten weiter, die keinem zentralen Kommando gehorchten.

Rückkehr trotz Warnungen

Auch Albert Becker ging 1919 zurück nach Luxemburg, aber als Direktor des Unternehmers fühlte er sich verpflichtet, wieder in den Kaukasus zurückzukehren, trotz Warnungen und einer sich verschlechternden Lage. Die Zentrale des Unternehmens in Antwerpen wollte auch mit der Anwesenheit vor Ort ihre Ansprüche für eventuelle Entschädigungsfälle verbessern. Während die teils staatlichen Firmen Shell und Standard Oil ihre russischen Ansprüche sogar im Vertrag von San Remo am 24. April mit Unterstützung von Frankreich und Großbritannien sichern ließen, versuchten Waterkeyn und andere unabhängige Ölgesellschaften, ihre Ansprüche vor Ort geltend zu machen. Dies war ein fataler Fehler, denn Belgien und Luxemburg waren kleine Staaten, denen der Erste Weltkrieg sehr stark zugesetzt hatte und die kaum diplomatische Einwirkungsmöglichkeiten hatten. In den Jahren 1919/1920 wechselten dazu die Fronten sehr häufig zwischen Weißer und Roter Armee; erstes belgisches Opfer eines solchen Frontwechsels wurde Eugène Poncelet, Direktor der Firma Almaznaia, der Gruben von Orlovka. Ihm gelang es zwar, vor den Roten zu flüchten, aber im Dezember 1919 erlag er im Gebiet der Weißen, in Rostov am Don, der Pest.

Im Sommer 1920 wurde Albert Becker in Grosny von Bolschewisten verhaftet, unter dem Vorwand, von belgischen Kapitalisten bezahlt zu werden. Er wurde im Gefängnis von der Geheimpolizei, der Tscheka, gefoltert. Am 14. September 1920 erlag er vor Hunger und Entkräftung seinen Verletzungen. Die Nachricht wurde vom französischen Konsulat in Tiflis bestätigt. Albert Becker, von seinen zahlreichen Freunden „Titt“ benannt, wurde nur 50 Jahre alt. Einige Zeit später wurde bekannt, dass der unverheiratete Mann, dessen Eltern und Bruder schon tot waren, in seinem Testament sein gesamtes ansehnliches Vermögen der Luxemburger Liga gegen Tuberkulose vermacht hatte.2

Quellen: Wim Peeters, Jérôme Wilson, L’industrie belge dans la Russie des tsars, Liège: Éd. du Perron, 1999

Elisabeth Calmes, Elisabeth, Jean-Nicolas Raus (1876-1926): ingénieur luxembourgeois, en Russie et en Pologne: ses origines, ses études, sa vie professionnelle et familiale, [S.l.]: [E. Calmes], [2017]

1 Obermosel Zeitung, 06.01.1921
2 M. Troesch, L’independence luxembourgeoise, 20.03.1923