CORDELIA CHATON

Leinen los! Allein in diesem Jahr werden voraussichtlich 30 Millionen Menschen weltweit eine Kreuzfahrt unternehmen. Kein Winkel ist mehr sicher: Flusskreuzfahrten, Hochseekreuzfahrten und à la carte-Angebote buhlen um die Gunst der Gäste. Denen gefällt, dass es oft preiswerter als ein Festlandurlaub ist und alles inklusive daherkommt: Alkohol, der Rummelplatz, die Bespielung durch Personal und Amüsierangebote.

In den angefahrenen Häfen macht sich Widerstand breit. Allein Barcelona muss mit drei Millionen Passagieren fertig werden, in Venedig und Palma quellen die Gassen über, wenn die riesigen Schiffe anlegen. Denn auf ihnen befinden sich bis zu 4.000 Passagiere und 1.500 Crewmitglieder. Das sind schwimmende Städte. Es geht auch gar nicht mehr ums Entdecken, sondern häufig nur noch um den Kick, die Instagramability, das Vorzeigen eines abgehakten Ziels. Die Stadtväter von Dubrovnik mussten beispielsweise feststellen, dass Touristinnen sich entkleiden, um sich auf der „Treppe der Scham“ im Evakostüm zu präsentieren - so wie eine Schauspielerin aus der Serie „Games of Thrones“.

Neben den schwarzen Schafen an Land gibt es die auf dem Wasser. Rund 90 Prozent der Reedereien machen das strikte Minimum an Umweltschutz. Nahrung geht tonnenweise über Bord und die so genannten „Scrubber“, die die Rauchgase des giftigen Schweröls waschen sollen, damit der Dreck nicht in die Luft geht, fluten sie jetzt mit Meerwasser - mit dem Resultat, dass die üblen Reste im Wasser statt in der Luft landen. Was sie dort anrichten, weiß noch niemand. Die EU-Kommission geht in Europa immerhin von 60.000 Menschen aus, die vorzeitig an den Folgen von Schiffsemissionen sterben. Anwohner beschweren sich über Gestank.

Diejenigen, die den dicken Reibach machen, sind Unternehmen, die wenig im öffentlichen Fokus stehen. Carnival Cruises beispielsweise, das größte Kreuzfahrtunternehmen der Welt, zu dem auch die Schiffe der Aida gehören, hat 2018 einen Reingewinn von mehr als drei Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Die 2016 gebaute „Harmony of the Seas“, die 5.497 Passagiere transportieren kann, hat 1,3 Milliarden Dollar gekostet. Das zeigt, dass Kreuzfahrtschiffe sich innerhalb weniger Jahre amortisieren. Möglich ist das häufig, weil sie unter einer Billigflagge fahren. Da spielen weder Sicherheitsaspekte wie die Anzahl der Rettungsboote noch Umweltaspekte eine Rolle. Die „Titanic“ wäre im Vergleich bei einem Unglück ein Minimalunfall. Und das Personal wird 14 Stunden täglich ausgebeutet.

Es kann nicht sein, dass einige wenige Unternehmen die Umwelt in unglaublichem Ausmaß verschmutzen, historische Orte geradezu überfallen und für sie weder Auflagen noch Gesetze gelten. Aus den Vergnügungsschiffen werden schwimmende Albträume. Da nützen dann auch erhöhte Hafen- oder Eintrittsgebühren nichts. Und da es ein weltweites Phänomen ist und Trump abgetaucht ist, sollte Europa zusammenstehen und Regeln erlassen. Denn mit der gemütlichen „Päischtcroisière“ haben diese schwimmenden Monster nichts mehr gemein. Eher mit Kreuzzügen.