LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Theogonie 2.0?

Die „Phantasia“ ist eine treibende Grundkraft des Menschen, das wusste schon Baumgarten (1714–1762). Aus der Fantasie, der bildenden Kraft, entstehen Vorstellungen als unsere geistigen Bilder. Erst durch die Einbildungskraft können wir das, was wir wahrnehmen, bildlich formen und uns verständlich machen, so die These Kants (1724–1804). Indem wir einbilden, bilden wir unsere Welt, ergänzt Schopenhauer (1788–1860). Außerhalb unserer Vorstellung ist nichts; alles was wir als real annehmen, ist eine Entäußerung unseres inneren, treibenden Willens. „Jeder lebt in seiner eigenen Welt“, heißt es ganz oft und tatsächlich gibt es starke Weltbilder, an denen wir Menschen hängen, ohne die wir uns verloren fühlen und uns der Sinn des Lebens fragwürdig erscheint. Dieser berühmte Sinn, ist nicht auch der bloß eine von uns geschaffene Vorstellung?

So manche Ideen halten sich hartnäckig über tausende von Jahren und bestehen auch noch dann, wenn die Wissenschaft ihre Fiktionalität bereits dargelegt hat. Vielleicht gerade deshalb, weil diese Idee, diese Fantasie, aus den größten Wünschen und Sehnsüchten der Menschen geschaffen wurde? Natürlich spreche ich von der Gottesidee. Wie Feuerbach (1804–1872) bereits diskutierte, ist die Idee Gottes die Äußerung unseres tiefsten Verlangens nach Güte, Liebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit. Die Vorstellung eines Wesens, das all dies in vollkommener Form verkörpert, gibt uns Orientierung und den Glauben an das Gute, und sei es bloß in imaginierter Form. Ein notwendiges Postulat, wie Kant es gar nannte. Eigentlich ist die Lehre von Gott nun also eine Lehre des Menschen. Zum Einen, so Feuerbach, weil die Tugenden, die wir dem Wesen Gottes beilegen, eigentlich menschliche Eigenschaften darstellen. Wir sind es, die der Güte und der Liebe fähig sind. Ob unser himmlisches Ideal mit menschlichen Attributen zu kennzeichnen ist? Warum sollte dem so sein? Auch hier eine Schnittstelle zu Kant: Das, was wir nicht sinnlich erfahren und begrifflich bestimmen können, können wir nicht wissen – wir können ihm somit auch nicht mit Sicherheit gewisse Eigenschaften zuschreiben. Das Gewicht liegt deutlich auf dem ‚wir‘: Wir bilden die Idee, wir stellen sie uns in einer gewissen Weise vor, wir lassen uns leiten, wir sind froh drum, ein wenig Verantwortung abzugeben, uns hüten zu lassen,…. Von was? Von unserer Fiktion.

Nun, mittlerweile schreiben wir das Jahr 2019, und ja, Religionen haben noch immer zahlreiche Anhänger, und sofern dies nicht in Ignoranz, Diskriminierung oder Gewalt ausartet, ist daran wenig auszusetzen. Interessant ist allerdings, dass die Gesellschaft dabei ist, den ‚Deus‘ neu zu erschaffen. Engel, Vorhersehung und Theodizee weichen Big Data, Künstlicher Intelligenz und Algorithmen. Wo die Welt einst in Gott und dem Glauben die Ordnung im täglichen Geschehen suchte, wird der Zufall nun durch Algorithmen und Datafizierung zu zähmen gesucht. Der Weltkontext wird kodiert; der Kode lässt den Gott entstehen – Theogonie 2.0.

Mit dem Computer als Superintelligenz ist dem altbackenen Wunder entgegengewirkt. Die Unbestimmtheit des Schicksals? Nicht länger in den Händen von göttlichen Wesen; der Algorithmus kennt die Zukunft. Sogar mit der Cloud oder der Blockchain ergibt sich eine neue Ontologie, eine neue Lehre des Seins: Das Hochladen jeglichen Inhalts in eine Cloud, in eine Chain, wo alles im großen Ganzen dem All-Einen zughört, es nicht mehr verloren geht, gibt uns Garantien, die uns von der Last der Unbeständigkeit des irdischen Lebens befreien sollen. Eine perfekte, maschinelle Funktion gibt uns Sicherheit. Sie ist nicht so fehlbar, wie wir Menschen, sie wird nicht müde, verrechnet sich nicht, lernt ohne zu murren von selbst und erkennt die komplexesten Patterns in Windeseile. Verständnis dieser Künstlichen Intelligenz, wie sie funktioniert, und welche Chancen und Risiken sie tatsächlich birgt, haben nur die wenigsten von uns. Digitale Apostel, sozusagen.

Gewisse Parallelen sind deutlich: Die Suche nach Sicherheit und Leitung, vielleicht auch von Verantwortungsverschiebung, treibt die Menschen schon länger an, Fantasien zu schaffen und sich ihnen hinzugeben. Dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit scheint auch die Künstliche Intelligenz entgegenzukommen. Doch wie bezüglich der Gottesverehrung sei auch in Hinsicht auf den neuzeitlichen digitalen Theismus daran erinnert, dass der Mensch sich nicht selbst dieser göttlichen Instanz zum Knecht machen darf. Allein das Preisen der Notwendigkeit der allumfassenden Digitalisierung stellt das Recht auf Eigenbestimmung – Offline-Sein – mittlerweile deutlich in den Schatten, und man muss sich fast in den Beichtstuhl begeben, wenn man Mails nicht unmittelbar beantwortet oder keine Ahnung hat, was auf Instagram läuft. Vergessen wir bei all dem nicht, dass wir Menschen ein analoges, irdisches Leben haben. Unser Glück kommt nicht in digitalisierter Form, sondern in einer sinnlich erfahrbaren.