Das soll der Sozialismus sein? Gut, die Hotellobby erinnert schon sehr stark an das ZK-Gebäude der bulgarischen KP, aber schon die Damen hinter dem Tresen sind zwar im leichten Chaos-Modus, aber von sowjetischer Muffelei keine Spur. Die Gruppe frankophoner Rentner vor uns ist auch eine Herausforderung, denn mit der französischen Sprache kommt man in Kuba nicht weit. Wer Spanisch oder Englisch beherrscht ist deutlich im Vorteil, selbst der sozialistische Bruderstaat DDR hat Spuren hinterlassen - nicht nur in Form tausender MZ-Motorräder.
Der morgendliche Blick aus dem Hotelfenster zeigt eine Villenlandschaft, ein paar sozialistische Trutzburgen und sonst üppiges Grün. Links liegt das Meer - der Golf von Mexiko. Wer genau hinsieht findet sich in einer Gegend wieder, die Bungalows wie aus heilen Doris-Day-Film aneinander reiht. Gegenüber dem Hotel liegt ein Haus im besten Frank Lloyd Wright-Stil. Wie wir einen Abende später erleben, eines der jetzt öfters zu findenden privaten Restaurants.
Miramar ist das schickste Stadtviertel von Havanna, Botschaft reiht sich an Botschaft, dazwischen internationale Hotels, die die Kubaner seit einigen Jahren auch betreten dürfen. Was sie, wenn sie die Mittel dazu haben, auch kräftig tun, da hält der Beamten-Lada schon mal vor dem Hauptportal und lässt die lieben Kleinen in Richtung Pool streben. Wobei sich die Frage stellt , wie geht das bei einem statistischen Durchschnittslohn von zwanzig Euro? Auch das groß angekündigte Wasserballett mit Galadinner ist ganz plötzlich ausverkauft. Doch von den Hotelgästen, hat niemand eine derartig schicke und hocherotische Abendgarderobe im Gepäck, wie sie die Damen zum Dinner tragen. Ein Teil mögen Diplomaten sein, aber der größere Teil ist ganz klar eine kubanisch-prä-kapitalistische Elite, die ihren Weg durch den Sozialismus gefunden hat. Die „Touris“ dürfen am Rand des riesigen Hotelpool Platz nehmen und die Show erleben.
Wir machen Musik
Der kubanische Spätsozialismus swingt. Musik gehört hier zum Alltag, niemand muss in eine teure Show ins Tropicana gehen. Die beiden Bands die jeden Tag ab 17.00 in unserem Hotel spielen, eine davon eine reine Mädchen-Combo, würden in Europa jeden Konzertveranstalter niederknien lassen.
Selbst im stets furchtbar überfüllten „Floridita“ in der Innenstadt, Stammkneipe von Ernest Hemingway - der Tag aus, Tag ein in Bronze gegossen an der Theke steht - und Geburtsort des Daiquiri, drängt sich eine Dreimanncombo und macht gute Latinomusik. Gemäßigte Individualtouristen wie wir, sind noch selten, wie haben zwar ein internationales Hotel gebucht, gehören aber keiner Reisegruppe an und halten auch wenig von Vollpension. Die mittlerweile offiziell zugelassenen Privatrestaurants machen viel mehr Spaß.
Mal sind sie hypermodern oder ganz im Diner-Stil der 1950er eingerichtet - wahrscheinlich mit Hilfe des Onkels aus Miami. Mal trifft man auf lustige Kombinationen wie den „Café-Salon“ in der Altstadt, die eine Hälfte ist ein Frisiersalon, die andere ein Restaurant - hier fehlt offenbar die Hilfe von außen das macht aber nichts. Der ganze Lobster für neun CUC, was neun Euro entspricht, war fangfrisch und schmeckte bestens.
Zweiklassengesellschaft
Der CUC, der so genannte konvertible Peso, ist der Schlüssel zur kubanischen Charade, denn neben dem CUC, gibt es noch den CUP, den kubanischen Peso. Dieser Peso, der den Kubanern vorbehalten ist, ist kaum sein Papier wert. Wer im Besitz von CUC ist, Tourist oder Kubaner, kann sich alles kaufen. Wer nur CUP hat , ist auf die staatlichen Läden mit wenigen Grundnahrungsmitteln angewiesen, auch auf den illegalen Obst und Gemüsehändler an der Straßenecke. Von uns nimmt er ungefähr den dreißigfachen Preis, den er von Einheimischen mit CUP verlangen kann - dennoch zahlen wir nur drei Euro für das Bündel karibischer Bananen.
Freundlich statt aufdringlich
Eines hat Kuba im Gegensatz zu vielen anderen lateinamerikanischen Ländern nicht - ein Kriminalitätsproblem. Taxifahrer, Kutscher, Straßenhändler bieten an was sie haben, aber sind nicht die Spur aufdringlich. Auf ein „No, thank you“ folgt fast immer ein „Have a nice day“. Wer am ersten Tag noch das Kinn nach vorne reckt um unbehelligt durch eine Traube von selbst ernannten Guides und Taxifahrern zu kommen, wird einfach mal belehrt: „Hey man, this is Cuba and not Mexico!“
Neben der obligatorischen Stadtrundfahrt mit dem Oldtimer-Cabriolet empfiehlt sich eine Tour mit einem illegalen Taxi. Die vorher vereinbarten 15 CUC für den Weg über den Malecon zurück zum Hotel sind statistisch gesehen fast ein Monatslohn, entsprechend gut gelaunt ist der Fahrer. Der altersschwache Lada fährt lenkt und bremst. Stoßdämpfer hat er mit Sicherheit keine mehr. Kuba pur.
Wobei schon die Cabriofahrt, abweichend vom offiziellen Programm, durch Havanna-Centro , nicht zu verwechseln mit der restaurierten Altstadt, Einblick in die echten Stadtviertel der Kubaner brachte. Hier erinnert das Straßenbild an Beirut 1982, manchmal fallen die altersschwachen Mietskasernen einfach in sich zusammen. Dennoch trifft man nirgendwo so gut gelaunte Menschen wie in Havanna.
Sozialismus lässt sich unter karibischer Sonne einfach besser ertragen.





