LUXEMBURG
DR. MARC KEIPES

Gutes Cholesterin – schlechtes Cholesterin – gute Fette – schlechte Fette: Nur wenige Begriffe in der Medizin sind so emotional besetzt wie Cholesterin. Für die einen ist er der Herzkiller überhaupt, für die anderen eine Verschwörung der Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Wie steht es wirklich um die Risikofaktoren für Herzkranzgefäßkrankheiten?
„Klar ist, dass sich Cholesterin in den Adern und Halsgefäßen ablagert und dass es zu Problemen kommt, wenn diese sogenannten Plaques zu dick werden. Denn dann wird der Durchmesser der Ader und dadurch die Blutmenge, die durchpasst, signifikant reduziert. Aber so simpel wie die Angst-Gleichung ‚Cholesterin = Herzinfarkt = Produkte gegen diese Angst kaufen‘ ist die Sache nicht – der menschliche Körper ist eine komplexe Maschine.
Richtig ist, dass eine Unmenge an Faktoren kardiovaskuläre Krankheiten hervorrufen. Einige haben sehr viel Gewicht, man kann sie aber nicht beeinflussen: Beispielsweise das Alter (Hauptfaktor überhaupt), männlich sein (Frauen haben weniger oft und später einen Herzinfarkt, ihre Sterblichkeitsrate liegt dann aber höher) oder die Familiengeschichte (falls Vater, Onkel oder Großvater in jungen Jahren einen Herzinfarkt hatten). Dann gibt es Faktoren, die man verbessern kann: Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Mangel an Bewegung und eben Cholesterin, wobei es aber noch immer auf die Verteilung an ‚gutem‘ HDL-Cholesterin und ‚schlechtem‘ LDL-Cholesterin ankommt.

Sogar durch eine perfekte Diät kann man meistens nur 10-15 Prozent Verbesserung erwarten

Sich nur um einen Risikofaktor, das Cholesterin, zu kümmern, macht überhaupt keinen Sinn. Außerdem sind über 80 Prozent des Cholesterins und dessen Verteilung genetisch bedingt und kommen aus eigener Produktion. Sogar durch eine perfekte Diät kann man meistens nur 10-15 Prozent Verbesserung erwarten. Wer wirkungsvoll dem Risiko Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegenwirken will, sollte möglichst alle bestehenden Risiken zu mindern oder zu verbessern versuchen: wieder mehr Bewegung, lernen, besser mit Stress umzugehen, und so weiter. Man kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen zwar auch nicht ganz vermeiden, man kann sie aber verzögern. Wenn man schon einen Herzinfarkt bekommen sollte, dann besser erst mit 75 als mit 55, oder? Nicht nur, weil man dann 20 Jahre ohne gelebt hat, sondern auch weil die Medizin so schnell Fortschritte macht, dass die Behandlung viel besser ausfallen wird.
Also: Abwechslungsreich und von allem etwas, von nichts zu viel essen. Wenn man unsicher über seine Ernährung ist, kann man sich von einem Ernährungsberater beraten lassen. Oder am besten sollte man seinen Hausarzt fragen, welche Risiken man hat und wie man ihnen zu Leibe rücken kann. Mit Medikamenten behandelt man in jedem Fall nach dem Gesamtrisiko, nicht  nach einem einzelnen Cholesterinwert in der Blutanalyse.“