LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

„Les Musiciens du Prince-Monaco“ und Cecilia Bartoli begeisterten in der Philharmonie

Selten begegnen wir im Angebot der großen Musikmetropolen Europas Konzertprogrammen, auf denen kein Werk des italienischen Barockkomponisten Antonio Vivaldi zu finden ist. Sein Vorzeigewerk „Die Vier Jahreszeiten“ steht in Wien, Prag und Venedig regelmäßig auf den Spielplänen meist kitschig und pseudohistorisch ausgestatteter Konzertsäle - in der Lagunenstadt finden sogar täglich mehrere Aufführungen teils in barocken Gewändern statt - wobei der Großteil sich im Touristenklasseniveau abspielt.

Heute weniger bekannt sind seine zu ihrer Entstehungszeit sehr populäre Opern, von denen der extrem produktive Komponist nach eigenen Angaben nicht weniger als 94 an der Zahl zu Papier gebracht haben soll.

Nach dem grandiosen Spektakel von Verdis „Rigoletto“ in Konzertfassung mit namhaften Solisten, begleitet von den Musikern des OPL, vor rund sechs Wochen, hatte die Philharmonie am Sonntag mit Höhepunkten aus den Bühnenwerken des venezianischen Allroundkomponisten erneut zu einem Leckerbissen dieser Sparte eingeladen.

Farbenreiche Fassung des berühmten Meisterwerks

Eine originelle und überzeugende Idee seitens der Initiatoren war es, Vivaldis meistgespieltes, zeitloses Opus als Rahmenprogramm in den Ablauf des abwechslungsreichen Szenarios einzubauen. Mit dem vortrefflichen Solisten und Konzertmeister Andrés Gabetta boten „Les Musiciens Du Prince-Monaco“ eine farbenreiche Fassung des berühmten Meisterwerks. Sicher kennen wir in puncto Präzision perfektere Versionen der „Vier Jahreszeiten“, aber das an sich vorzügliche, 24-köpfige Streichensemble schaffte es mit seiner ungekünstelten, professionellen Spontanität dem Werk eine einzigartige Frische abzugewinnen, wie sie selten in den Klangkörpern historisch orientierter Formationen zu finden ist. Besonderen Wert legten die Instrumentalisten auf ein Element, das in der Barockmusik meist stiefmütterlich behandelt wird: die Dynamik.

Den Schwerpunkt der Soiree, ein markanter Querschnitt durch die wunderbaren Klanglandschaften von Vivaldis Opernschaffen, in Worte zu fassen, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen, so hinreißend und bezaubernd vermochte die Starsolistin Cecilia Bartoli das Publikum des restlos ausverkauften Hauses mit ihrer einzigartigen Vokaltechnik, ihrer sagenhaften Mimik und ihren ausgeprägten Gefühlsausbrüchen, in ihren Bann zu ziehen. Die halsbrecherischen Koloraturpassagen, die man zeitweise atemlos verfolgte und die feinsinnige leidenschaftliche Dramaturgie die sprachlos machte, sorgten permanent für ein faszinierendes Feuerwerk an Höhepunkten mit einer wohlausgewogenen Mischung aus ernsten und heiteren Stimmungsbildern, immer präsentiert mit ansteckender spielerischer Leichtigkeit und überzeugender Ausgeglichenheit.

Unvergleichliche Vokalakrobatin

Immer wieder konfrontierte das stets kompakt spielende Ensemble und die unvergleichliche Vokalakrobatin die elektrisierten Zuhörer mit Vivaldis Spezialität, die menschliche Stimme mit der ausgefeilten Technik und der Virtuosität der Instrumentalisten gleichzusetzen. Die intensiven Wechselspiele der fünffachen Grammy-Preisträgerin mit den historischen Instrumenten Querflöte, Oboe und Trompete, kombiniert mit den prunkvollen Tuttieinsätzen des Kollektivs ließen die Geschlossenheit des Ganzen in voller, fast unbeschreiblicher Pracht erstrahlen, „denn das geläufige Vokabular ist schlichtweg nicht ausreichend, ihre Kehle birgt ein wahres Nachtigallen-Nest in sich“, heißt es treffend im Programmheft.

Trotz der fabelhaften, euphorischen Stimmung dürften sich viele begeisterte Anhänger der Ausnahmekünstlerin nach beachtlichen fünf Zugaben sauf ein gemütliches CD-Stelldichein in den eigenen vier Wänden, ohne das an diesem Abend bis an die Grenzen des Zumutbaren reichende Hustenkonzert, gefreut haben.