LUXEMBURG
SIMONE MOLTOR

Ein Stück, ein Schauspieler, mehrere Objekte: „Mein Arm“ in einer Inszenierung von Linda Bonvini

Ein zehnjähriger Junge hebt eines Tages seinen Arm und beschließt ihn oben zu lassen. Seine exzentrische „Tat“ bleibt natürlich nicht ohne Folgen auf seine Entwicklung, seine Gesundheit und seine Familie. Die Mediziner sind ratlos. Die Psychologen auch. Eine Genesung scheint unmöglich. Der Junge wird zum Versuchskaninchen und sogar zum Ausstellungsstück. Die Geschichte dieses Jungen erzählt der britische Schriftsteller Tim Crouch im Stück „My Arm“, das 2003 in Edinburgh Premiere feierte und 2004 erstmals in deutscher Sprache aufgeführt wurde. Für „Independent Little Lies“ (ILL) hat es nun die luxemburgische Regisseurin und Theaterpädagogin Linda Bonvini inszeniert.

Wenn Gegenstände die Geschichte tragen

Auf der Bühne steht der deutsche Schauspieler Thomas Halle, der im Jahr 2015 für seine schauspielerische Leistung in „Ich bereue nichts“ mit dem Günther-Rühle-Preis ausgezeichnet und von der Theaterzeitschrift „Theater Heute“ zum Schauspieler des Jahres nominiert wurde. Aber nicht er selbst hebt in „Mein Arm“ den Arm, vielmehr wird eine Puppe benutzt, um den Jungen darzustellen. Verschiedene Szenen des Stücks werden noch dazu mit sorgfältig ausgewählten Objekten erzählt. „Für mich ermöglicht das Objekttheater hauptsächlich die Darstellung von Momenten des Lebens, von Events, von Emotionen, die nur schwer mit Worten zu beschreiben sind. Mit den Objekten werden konkrete Bilder und Situationen geschaffen, die, in Zusammenarbeit mit dem Spiel des Schauspielers, bei den Zuschauern Emotionen hervorrufen. Das Vorstellungsvermögen der Zuschauer ergänzt das Gezeigte. Darin liegt für mich die Poetik des Objekttheaters“, wird Bonvini in der Pressemappe zitiert. Da das Stück größtenteils eine Erzählung ist, sei es ihr wichtig gewesen, Spielmöglichkeiten zu finden, um dieses Erzählformat mit Momenten zu brechen. Und wie empfindet es der Darsteller, sich mit Objekten die Bühne zu teilen statt mit Menschen? Wir haben uns mit Thomas Halle unterhalten.

Am vergangenen Freitag feierte „Mein Arm“ Premiere. Wie war es?

Thomas Halle Es ist gut gelaufen und auch gut angekommen. Den Leuten hat’s gefallen, zumindest haben sie das gesagt. Das glaube ich ihnen jetzt einfach mal (lacht).

Wie kann man sich dieses Spiel mit Objekten, dieses Einbeziehen von Gegenständen vorstellen?

Halle Unterschiedliche Figuren werden benutzt, um den Jungen mit seinem hochgestreckten Arm darzustellen - ich könnte ja nicht die ganze Zeit so da stehen -, aber auch seine Familie und Freunde. Da ich alleine auf der Bühne stehe, bietet das Agieren mit den Objekten zusätzliche Möglichkeiten, um gewisse Stimmungen zu verdeutlichen. Auf eine ganz einfache Art schaffen wir es so, Assoziationen beim Zuschauer zu erzeugen und der Geschichte demnach noch etwas dazuzugeben. Das funktioniert wirklich ganz gut.

Hatten Sie vorher schon Erfahrung mit dieser Form des Theaters?

Halle Nein, das war tatsächlich Neuland für mich. Es war durchaus eine Herausforderung, obwohl es nun auch kein radikales Objekttheater ist, sondern vielmehr eine Mischform. In der Mitte des Stücks kommt es zu einem Bruch, und wir bewegen uns etwas mehr vom Spiel mit den Objekten weg. Ich stehe also auch ganz klassisch als Schauspieler auf der Bühne. Trotzdem gibt es im Objekttheater ein paar Regeln, die befolgt werden müssen. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. Es bedarf schon einer gewissen Genauigkeit, wie man mit den einzelnen Objekten umgeht, sonst funktioniert es nicht. Ich musste mich zeitweilig ein bisschen zwingen, um dem Objekt den nötigen Raum zu geben. Da war schon viel Übung nötig.

Waren Sie sofort von dem Stück überzeugt oder doch anfangs etwas skeptisch?

Halle Das ging ein bisschen hin und her, muss ich sagen. Beim ersten Lesen fand ich die Geschichte auf jeden Fall interessant. Während des Arbeitens schwankte es leicht. Es ist eine sehr erzählende Sprache, die, so jedenfalls mein Gefühl, nicht für die Bühne geschrieben ist. Manches haben wir deshalb szenisch verändert oder auch Anpassungen am Text vorgenommen. Manchmal habe ich den Text schon ein bisschen, nicht verflucht, aber doch damit gehadert. Ich wollte ja auch nicht einfach eine Stunde da stehen und nur der Geschichtenerzähler sein. Genau das liefert der Text aber erstmal. Mir war es natürlich wichtig, auch Schauspieler sein zu können und Spaß auf der Bühne zu haben. Bestimmte Veränderungen waren auch deshalb nötig, weil es sonst auf Dauer nicht nur für mich selbst, sondern auch fürs Publikum etwas zu langweilig gewesen wäre. Das haben wir meiner Meinung nach gut hinbekommen.

Wie würden Sie das Stück denn beschreiben? Tragödie? Komödie? Beides?

Halle Für mich ist es eine Tragik-Komödie. Es bietet von allem etwas. Es hat ein bisschen was Lakonisches. Das Dramatische wird nicht in der schweren Tragödienart erzählt, trotzdem ist die Geschichte dramatisch und traurig.

Wie ist es überhaupt, alleine auf der Bühne zu stehen und einen derart langen Monolog zu führen?

Halle Damit habe ich schon Erfahrung. Der Text ist tatsächlich ein ganz schöner Brocken, ihn auswendig zu lernen, hat gedauert. Klar ist es ein bisschen einsam, gerade bei den Proben, aber durch das Spiel mit den Objekten geht es eigentlich. Manchmal kam ich mir vor wie ein kleiner Junge im Sandkasten, der mit seinem Spielzeug spielt. Aber nein, so einsam fühlt es sich wirklich nicht an.

Weitere Vorstellungen

„Mein Arm“ von Tim Crouch in einer Inszenierung von Linda Bonvini wird am 23. März um 10.00 (Schulvorstellung) und um 20.00 sowie am 24. März um 20.00 in der Escher Kulturfabrik gespielt. Reservierung: mail@kulturfabrik.lu, Tel. 55 44 93-1. Weitere Vorstellungen sind im Kulturhaus Niederanven: am 30. Mai um 20.00 sowie am 31. Mai um 10.00 (Schulvorstellung) und um 20.00. Reservierung: www.luxembourg-ticket.lu, Tel. 47 08 95-1. Nächstes Jahr wird „Mein Arm“ dann auch im TNL aufgeführt.