SVEN WOHL

Die kleinste, aber wichtigste Einheit der Macht stellt das Wort dar. Kein spezifisches, einzelnes, wunderbares Wort, sondern das Wort, das als Stellvertreter der Sprache im alltäglichen, politischen und ideologischen Sinne funktioniert. Wörter können bestätigen, feststellen, festhalten, aufbauen und niederstrecken. Die hochgradig irritierende Funktion eines jeden Wortes lässt sich immer wieder feststellen, vereint es doch unzählige Diskurse ineinander.

Eben deshalb sind Schlagwörter für uns Journalisten so wichtig: Mit einem Schlag wird Kontext und Aussage eines gesamten Textes vorgegeben. Es handelt sich, sozusagen, um den ältesten Taschenspielertrick eines jeden Schreiberlings, vom Lokaljournalisten bis hin zum Bestseller-Schreiber.
Die Faszination des Wortes, vor allem des geschriebenen Wortes, wurde vor langer Zeit tief in unserer Kultur verankert. Das Wort lag, so die Bibel, bei Gott und ist somit älter als letzterer und je nach Interpretation auch umso leichter als Ersatz letzteren zu verstehen. Dadurch, dass die Schriftsprache ins Spiel kam, wurde das Wort unabhängig vom Sprecher, sprach für sich selbst und hatte Bestand, lange nachdem der Schreiber die Feder niederlegte und das Zeitliche segnete. Druckerpresse und Internet lösten das Wort schließlich in Etappen von seinen verschiedenen materiellen Begrenzungen ab. Das Datenpaket Wort existiert eigenständig.

Doch es muss interpretiert werden, und da liegt die wahre Macht des Wortes. Das unterschätzte Element hinter diesem gigantischen Bollwerk eines Kulturdiskurses, der hier kondensiert dargestellt wurde, ist die Tatsache, dass das Wort keine inhärente Macht hat. Die Interpretation des Wortes sorgt dafür, dass Macht entsteht. Nicht umsonst beansprucht ein Mann im Vatikan den absoluten Deutungsanspruch über ein vielgelesenes Buch und festigt damit seine Macht.
Doch die Institutionen verkennen - oder besser gesagt: Kennen nur zu gut - die Realität der Dinge: In Fragen der Hermeneutik, also des Textverständnisses, kann kein Einverständnis existieren. Es wird immer Interpretierungsschwierigkeiten geben, denn das Wort hat kein Gewicht, sondern die Leser, und deren Einschätzung der Dinge kann wesentlich auseinander gehen.

Hier kommen dann die neuen Formen des Diskurses hinzu: Die sozialen Medien erlauben umfassende Diskussionen rund um einzelne Wörter und damit verbundene Konzepte oder Ideologien. Nun schreibe ich das Wort „Diskussionen“, impliziere aber digitales Geschrei und Shitstorms verschiedenster Couleur. Dabei wird vieles bestritten, nur die Macht dieser Wörter nicht und sie verbleiben, egal ob der Einzelne das nun will oder nicht. Der Versuch, sie zu ignorieren, scheitert oft genug, denn die Wörter sind, wie gesagt, nicht mehr medial gebunden, sie sind in allen Medien zuhause, weil sie alle auf Wörtern basieren. Deshalb kann man allenfalls eine Bitte formulieren, wie etwa:
Könnt ihr endlich aufhören, meine Facebook- und Twitter-Timeline mit eurem Gambia-Gestreite voll zu spamen?
Danke.