DIFFERDINGEN
SVEN WOHL

Seit 2014 befindet sich die Stadtbibliothek Differdingen in neuen Räumlichkeiten und kann sich über steigende Nutzerzahlen freuen

Der Süden des Landes leidet nicht unter einem Mangel an Bibliotheken. Dennoch bietet jede Bibliothek der Region ihre Eigenarten. So nimmt unter den städtischen öffentlichen Bibliotheken jene von Differdingen einen besonderen Platz ein. Zum einen teilt sie sich im „Aalt Stadhaus“ eine Infrastruktur mit anderen Akteuren aus dem kulturellen Bereich. Hier vereint sind Räumlichkeiten für Spektakel, die Musikschule, der „Service Culturel“ wie auch ein Restaurant. All dies im Herzen der Stadt, in direkter Nähe zum Stadthaus. Zum anderen wurden die aktuellen Räumlichkeiten konkret für die Nutzung durch eine Bibliothek ausgelegt. Die Besucher stellen gleich fest: Hier haben sie Platz. Während andere Bibliotheken im Land ernsthafte Probleme damit haben, nicht aus allen Nähten zu platzen, wirkt es hier zumindest so, als hätte man noch Raum zum Wachsen. Dass das nicht ganz der Realität entspricht, erklärt auch Yvo Lederle von der Bibliothek: „Es wird immer enger - mehr als wir jetzt an Mobiliar haben, kriegen wir schon nicht mehr rein.“

Lernen, lesen und leben

Dabei ist das Mobiliar nicht nur notwendig, um den ständig wachsenden Bestand an Büchern, CDs und DVDs zu erweitern. Die Besucher sollen auch Platz haben, um sich zurück zu ziehen oder um lernen zu können. Platz zum Lesen hat man für Groß und Klein: Die jüngeren Semester können sich in einen separaten Raum amüsieren. Hier können sie sich unter anderem Geschichten vorlesen. Das macht unter anderem deshalb Sinn, weil ein großer Teil der Klientel der Bibliothek unter 20 Jahre alt ist. Hinzu gesellen sich zahlreiche Schüler und Studenten, die die Räumlichkeiten nutzen, um zu lernen. Das stimmt vor allem während der Examenszeit. Auch Erwachsene ziehen sich hierhin zurück um beispielsweise für das Staatsexamen zu büffeln. Oder ganz einfach um die Zeit zu überbrücken, während der Nachwuchs in der Musikschule ist. „Viele kommen hierhin Zeitung lesen, um die Wartezeit zu überbrücken“, meint Lederle und beschreibt so, dass die Bibliothek über viel Laufkundschaft verfügen würde. Neben Büchern bietet Differdingen auch andere Medien an. Dazu gehören Hörbücher, die in zahlreichen Bibliotheken eine große Beliebtheit haben und auch mehr als 2.000 DVDs. Hier richtet man sich nach dem Geschmack der Kunden. Das Angebot zieht, die Zahl der ausgeliehenen Bücher und auch der Nutzer steigt an. Vergangenes Jahr war mit 629 neuen Einschreibungen etwas Besonderes. Der Grund für den starken Anstieg ist schnell gefunden: Die neue „International School“ wurde eröffnet und zahlreiche Schüler haben sich eingeschrieben.

Die Zahl junger Leser steigt

Auch sonst wird eine intensive Jugend- und Kulturarbeit betrieben. 2018 gab es 145 Besuche durch „Crèches“, „Maisons relais“, „Foyers du jour“ und 18 Besuche durch Schulklassen. Zudem betreibt die Bibliothek noch drei Bücherkabinen sowie eine Gartenbibliothek, die sich direkt gegenüber der Bibliothek befindet und einen ganz besonderen Raum für den Genuss von Literatur anbietet. Wird denn wirklich so viel gelesen? „Wir finden schon, dass mehr Menschen lesen und mehr in die Bibliotheken gehen“, erklärt Lederle. Vor allem beim jungen Publikum schaffe man es durchaus, genug Leser zu finden. Einer der Gründe: Comics, „Bandes Dessinées“ und Manga sind reichlich zu finden. Wer eine Reihe für sich entdeckt hat, kommt jede Woche fünf Bände - mehr darf man nicht gleichzeitig ausleihen - holen und liest diese dann, nur um eine Woche später wieder fünf Bände abzuholen. Da hilft es dann auch, dass die Bibliothek sechs Tage die Woche geöffnet hat, was immer noch einen Seltenheitswert in der luxemburgischen Bibliothekenlandschaft genießt. Damit die Kundschaft auch immer wieder den Weg in die Bibliothek zurückfindet, greift diese auf mehrere Strategien zurück. Zum einen investiert sie in eine konstante Erneuerung des Bestands. Neue Werke in deutscher Sprache bezieht sie direkt von einem deutschen Lieferanten, die anderen Sprachen deckt sie über lokale Buchhändler ab. Auch bei den DVDs und Hörbüchern rüstet die Bibliothek konstant nach, wobei sie stets auf das Budget achten muss. Sie bietet jeden Monat ein „Coup de Coeur“, sowohl bei den Büchern als auch bei den DVDs an, um den Kunden andere Werke schmackhaft zu machen. Für besondere Events, etwa Halloween, sucht das Team einige passende Werke zusammen, um die entsprechend in Szene zu setzen.

Dass man bereit ist, neue Wege zu gehen, zeigt sich indes auch bei dieser Bibliothek: Seit 2011 wird zusammen mit dem CIGL-Differdingen gearbeitet, um Personen mit reduzierter Mobilität einen Zugang zum literarischen Schatz der Bibliothek zu gewähren.

Jeden ersten Mittwoch im Monat erfolgt so eine Hauszustellung von Büchern an Personen mit einer reduzierten Mobilität. Auch mit den „Lundi littéraire“, den Montagslesungen, bringt die Bibliothek die Literatur den Mitmenschen von Oktober bis Mai ein Stück weit näher.

Für die ganze Organisation benötigt man auch Personal. Zur Zeit arbeiten fünf Personen in der städtischen Bibliothek von Differdingen. So viel Personal ist mitunter notwendig, um die administrativen Arbeiten, von denen die Öffentlichkeit nicht unbedingt etwas mitbekommt, zu stemmen. Mit Spannung blickt man auch dem Jahr 2022 entgegen, in dem Esch zur Kulturhauptstadt wird. Auch wenn im Moment noch nichts Konkretes für die Bibliothek Differdingen geplant ist, könnte sich dies immer noch ändern.